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Freelance Chronicles in Zeiten von Corona

#02 - Sascha Carlin

Sascha hilft als Agile Coach Führungskräften in der Softwareentwicklung, agile und effiziente Prozesse zu etablieren. Mit Sascha sprechen wir über seinen Umgang mit Krisen, über das Prinzip der Achtsamkeit und darüber, wie man handlungsfähig bleibt. Er hat außerdem eine ganze Reihe von Tipps, wie ihr bedacht und erfolgreich in eure Selbständigkeit starten könnt.


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Sascha A. Carlin, 40 Jahre

Unternehmen: NVSBL

Sitz: Berlin

Selbständig seit: 2017

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Wer bist du und was genau machst du?

Ich heiße Sascha Carlin und bin Agile Coach. Ich bin Informationswirt und Diplom-Bibliothekar und habe früher als Softwareentwickler gearbeitet – das ist schon ziemlich lange her, fast zwei Jahrzehnte. Dann bin ich technischer Projektleiter geworden, dann Teamlead, irgendwann Director, also Manager of Managers. Und jetzt bin ich seit knapp drei Jahren als Agile Coach für Führungskräfte unterwegs, erst nebenberuflich und seit einem Jahr hauptberuflich freiberuflich.

Wie hat deine Reise in die Selbständigkeit begonnen?

Lange Zeit hatte ich gar nicht auf dem Schirm, mich selbständig zu machen. Als Student habe ich nebenbei zwar mal ein paar Leuten geholfen, Software zu schreiben oder Onlineshops zu bauen. Aber für mich hatte ich eine freiberufliche Selbständigkeit eigentlich immer ausgeschlossen, weil ich dachte, dass ich als Freiberufler aus allen Sozialsystemen raus wäre. Ich finde die Sozialsysteme sehr wichtig und war immer der Meinung, da einzahlen zu müssen, damit wir alle etwas davon haben. 

Dadurch war das Thema Selbständigkeit nicht weiter relevant für mich. Ich war immer festangestellt, mit allen Vor- und Nachteilen. Bis ich dann irgendwann in die Situation kam, mich entscheiden zu müssen: Wirst du jetzt wieder festangestellt oder machst vielleicht doch was anderes? Damals hab ich dann mit einem Kollegen gesprochen, der sagte: Mensch, klar, natürlich kannst du als Freiberufler in der Arbeitslosenversicherung und in der Krankenversicherung bleiben. Ach so, ja wenn das so ist! Und das war's im Grunde genommen. Das ganze Gespräch dauerte vielleicht zwei Minuten. Ich habe nochmal nachgeguckt und festgestellt: Ja, das geht tatsächlich.

Dann hab ich mich dafür entschieden, den Schritt in die Selbständigkeit zu gehen. Um das gleich zu sagen: Nicht, weil ich meine, dass das die bessere Form der Arbeit ist oder um zu sagen, dass festangestellt zu sein die schlechtere Form der Arbeit wäre. Ich glaube tatsächlich, dass in Zukunft viel mehr Menschen im Laufe ihrer Berufsbiografie immer wieder pendeln werden zwischen diesen beiden Polen. Viele werden immer wieder freiberuflich oder selbständig sein, immer wieder festangestellt sein oder eine Mischform machen. Ich glaube, das ist etwas, was sich in Zukunft verstärken wird. Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halte, ehrlich gesagt. Aber ich sehe das so kommen und habe zumindest für mich beschlossen, dem gegenüber offen zu bleiben. Wenn heute jemand kommt und sagt: Sascha, ich brauche dich jetzt für ein Jahr festangestellt, dann werde ich nicht nein sagen. Warum sollte ich denn? Die eine Form ist der anderen nicht grundsätzlich überlegen in meiner Wahrnehmung.

Vor einigen Jahren, vielleicht war es 2014, habe ich im c’t Magazin eine Geschichte gelesen. Auf einer der letzten Seiten gibt es immer eine Science-Fiction-Geschichte. In dieser Geschichte ist eine Protagonistin, eine junge Frau, morgens im Apartment ihrer Eltern in London aufgewacht und hat ihr Handy gecheckt, um zu gucken, wo sie an diesem Tag arbeiten würde. Die ganze Geschichte dreht sich im Grunde genommen um Gig Economy. Das Thema war für mich damals noch relativ neu. Und dann habe ich darüber nachgedacht, dass es auf der einen Seite Selbständige gibt, die sich ihre Selbständigkeit selbst ausgesucht haben und gut damit zurechtkommen. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die freiberuflich unterwegs sind, damit aber nicht unbedingt glücklich sind und das vielleicht machen, weil sie keine andere Chance haben. Ich denke da an die Ich-AG und die vielen Zeitungsberichte über solche Menschen und die Herausforderungen, vor denen sie stehen. Ich sehe auch, dass mehr und mehr Unternehmen dazu übergehen, sich Kräfte von außen dazuzuholen, nur für solange, wie sie sie brauchen. 

Ich habe also festgestellt, dass ich als gut ausgebildeter Freiberufler privilegiert bin, meine Freiberuflichkeit freiwillig aussuchen zu können. Ich muss nicht von Job zu Job und jeden Tag gucken, wie ich das Geld für die Miete zusammen kriege. Dank Corona war das zwar kurzfristig anders, aber im Grunde gehöre ich schon eher zu der Gruppe von Selbständigen, die gut zurechtkommen.

"Ich glaube tatsächlich, dass in Zukunft viel mehr Menschen im Laufe ihrer Berufsbiografie immer wieder pendeln werden zwischen diesen beiden Polen. Viele werden immer wieder freiberuflich oder selbständig sein, immer wieder festangestellt sein oder eine Mischform machen."

Du hast dich also vor einem Jahr für die hauptberufliche Freiberuflichkeit entschieden. Wie hat dein Umfeld auf diesen Schritt reagiert?

Zum Teil geschockt. Zum Teil aber auch gar nicht. Natürlich wurden Fragen gestellt: Ja, wie sicher ist das denn? Und hast du denn schon einen ersten Job und wie willst du das alles machen? Ich habe auch viele gute Ratschläge bekommen – oder zumindest gut gemeinte Ratschläge. Sicherlich, die Situation zu dem Zeitpunkt sah so aus: Ich hatte ein Jahr vorher geheiratet, habe mit meiner Frau eine fast vierjährige Tochter. Natürlich ist dann da ein Verantwortungsgefühl und eben auch das Wissen, dass – zumindest im Moment aufgrund von Elternzeit – ich derjenige bin, der vor allem dafür sorgt, dass wir die Miete bezahlen können. Also nicht ich, sondern die Arbeit, die ich leiste, beziehungsweise die Arbeit, für die ich bezahlt werde. Ab diesem Punkt ist es eben nicht mehr die Einzelperson, die entscheidet, sondern man muss seinen eigenen Egoismus hinter sich lassen, um das Wohlbefinden anderer zu integrieren.  Und insofern war das schon auch mit einem gewissen mulmigen Gefühl verbunden, und das wurde glaube ich auch in meinem Umfeld entsprechend konnotiert. Es gab keine unglaublich negative Reaktion, aber auch keine unglaublich positive. Ein paar Leute haben schon gesagt: Ach Mensch, du bist endlich auch auf der Seite der Guten angekommen. Aber das war eher im Spaß gemeint.

Aus meiner beruflichen Anfangszeit kenne ich aber auch den Spruch “Endlich hast du einen Job und endlich machst du mal was Anständiges”, sobald man festangestellt ist. Früher war das ein Dauerthema zwischen mir und meinen Eltern. Es fing schon damit an, dass ich nur an eine Fachhochschule gegangen bin, obwohl ich Abitur hatte. Da war quasi schon Polen offen. Im Laufe meiner mittlerweile fast 20-jährigen Berufsbiografie haben meine Eltern aber auch gesehen, dass die eine oder andere Entscheidung, die ich treffe, gar nicht so doof ist und auch zu guten Ergebnissen führt. Dann haben sie eher gesagt: Geht das denn auch? Schafft ihr das? Brauchst du Unterstützung? Eher solche Sachen.

"Aus meiner beruflichen Anfangszeit kenne ich aber auch den Spruch “Endlich hast du einen Job und endlich machst du mal was Anständiges”, sobald man festangestellt ist."

Wie hast du deine Frau und Familie mit auf deine Reise genommen? Wie hast du sie in deinen Entscheidungsprozess integriert?

Tatsächlich war es so, dass ich mit meiner Frau oft ausführlich und lange darüber gesprochen habe. Über den Weg, über das, was ich machen will, und darüber, wie ich es verkaufen will. Sie ist ja nicht nur meine Lebenspartnerin, sondern ganz allgemein auch meine Partnerin.

Und deswegen ist meine Freiberuflichkeit auch etwas, was wir zusammen machen. Ja, ich bin vielleicht derjenige, der die Rechnungen schreibt, bzw. der die Arbeit leistet oder dessen Name hinter der Steuernummer steht. Aber de facto sind wir ja beide involviert. Sie muss Dinge tun, um es zu ermöglichen. Sie muss auf Dinge verzichten, um es zu ermöglichen. Das mögen große oder kleine Dinge sein. Man muss sich zum Beispiel Gedanken machen, ob man ein paar Investitionen, die man in die Wohnung tätigen wollte, erstmal auf die lange Bank schiebt. Weil es eben erstmal unklar ist, was mit dem Geld, das man angespart hat, passiert. Ob man das braucht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten oder ob sofort genug Geld reinkommt, das man auch ausgeben kann. Solche Dinge also. 

Es dreht sich natürlich sehr, sehr viel um Geld und um das, was man mit dem Geld machen wollte. Um die Freiheit, die man sich erkaufen wollte, um Urlaube, die man machen wollte, um Luxus, den man sich leisten wollte – was auch immer Luxus für einen selbst ist.

"Da hatte ich das Glück, mit jemandem sprechen zu können, der mir ganz viele Fragen gestellt hat, die ich mir noch nie gestellt habe. Der auch das hinterfragt hat, was ich mir bereits ausgedacht hatte. Der mir wertvolle Hinweise gegeben hat und der in mir einen Gedanken, den ich bis dato schon hatte, verstärkt hat. Nämlich den Gedanken, nicht alles selbst machen zu müssen, sondern im Zweifelsfall Geld für Dinge zu bezahlen, damit man selber den Kopf davon frei hat."

Wo hast du dir Infos und Unterstützung geholt, um erfolgreich selbständig zu werden?

Es gab für mich vor allem zwei relevante Quellen. Die eine Quelle ist eine Beratungsstelle hier in Berlin, der Berliner Beratungsdienst Wirtschaftssenioren. Das sind ehemalige Unternehmer, die jetzt in Rente sind, also Leute, die ihr Berufsleben hinter sich haben und die aber weiterhin junge Menschen oder Menschen, die einsteigen wollen in eine selbständige Tätigkeit, durch Beratungsdienstleistungen unterstützen. 

Da hatte ich das Glück, mit jemandem sprechen zu können, der mir ganz viele Fragen gestellt hat, die ich mir noch nie gestellt habe. Der auch das hinterfragt hat, was ich mir bereits ausgedacht hatte. Der mir wertvolle Hinweise gegeben hat und der in mir einen Gedanken, den ich bis dato schon hatte, verstärkt hat. Nämlich den Gedanken, nicht alles selbst machen zu müssen, sondern im Zweifelsfall Geld für Dinge zu bezahlen, damit man selber den Kopf davon frei hat.

Das war für mich eine ganz spannende Sache. Ich hatte schon, bevor ich mich dann letztlich für die Freiberuflichkeit entschieden habe, ein paar Bücher gelesen. Was ich empfehlen kann, ist ein Buch von Jonathan Stark, der kommt aus der Softwareentwicklung. Er hat ein E-Book zum Thema Hourly Billing is Nuts geschrieben. Da geht es darum, wie man denn Preise eigentlich berechnet. Und was bei ihm auch immer mitschwingt, ist der Gedanke, sich in seiner Positionierung so nischig wie möglich zu platzieren. In einem Gespräch mit deiner idealen KundIn sollte dein Name sofort präsent sein, sodass man, ich mache mal ein Beispiel, nicht sagt: Ich mache Creative Writing. Sondern: Ich mache Creative Writing für Science-Fiction und vor allem für Kinderbücher.

Mein erster Tipp ist also, mit Experten zu sprechen oder denen zuzuhören. Und das zweite – und das ist mindestens genauso wertvoll – ist, mit Menschen aus deinem Umfeld zu sprechen, die selbst selbständig oder freiberuflich sind. Denn die mussten all das machen: Die mussten zum Finanzamt gehen und sich anmelden, die mussten zur Krankenkasse gehen und dieses ganze Zeug machen. Du findest bestimmt im Umfeld jemanden, der das Wissen noch präsent hat und es gerne teilen möchte. Und gleichzeitig kann man mit denen, wenn sie ungefähr aus der gleichen Branche kommen, sicherlich auch über Themen sprechen wie Positionierung, Werbung, Marketing, Sales, Pricing, über die Art und Weise, wie du deinen Arbeitsalltag organisierst, wie du dein Homeoffice einrichtest, ob du dir einen Büroplatz mietest, ob du dir einen Telefondienst organisierst, ob du einen Newsletter anbietest. Die Chance, dass die Leute das schon mal gemacht haben oder zumindest darüber nachgedacht haben und für sich zu einer Entscheidung gekommen sind, ist recht hoch. Und mit ihnen kannst du darüber sprechen. Und wenn sie sogar in deiner eigenen Branche unterwegs sind, dann können sie dir vielleicht noch die eine oder andere Weisheit darüber mitbringen, was in dieser Branche gut oder eben nicht gut funktioniert.

"Ich habe mich gefragt: Wer hilft mir in meiner Selbständigkeit? Und da bin ich bei Kontist fündig geworden, und zwar nur bei Kontist."

Du hast ja schon erwähnt, dass du gerne Geld für Dienstleistungen ausgibst, die dir deine Selbständigkeit erleichtern. War das auch der Grund, dein Geschäftskonto bei Kontist zu eröffnen?

Tatsächlich möchte ich möglichst keine Zeit mit Dingen verbringen, die nicht Teil meiner eigentlichen bezahlten Tätigkeit sind. Insofern hatte Kontist damals ein tolles Angebot. Es ist ein Konto, bei dem ich mich um sehr wenig kümmern muss. Es ist ein Konto, das mir sehr viele Dinge abnimmt. Ich muss nicht ausrechnen, wie viel Geld ich eigentlich zur Verfügung habe – Kontist erledigt das für mich. Das war für mich tatsächlich das Killer Feature, das es am Ende zumindest aus Funktionssicht entschieden hat. Gerade zu Beginn einer hauptberuflichen selbständigen Tätigkeit ist es sehr wichtig zu wissen: Wie viel Geld hab ich? Wie viel Geld kann ich ausgeben? Das ist immer eine wichtige Frage, aber am Anfang vielleicht besonders, weil es ungewohnt ist. 

Gleichzeitig finde ich den Gedanken der Kontist Stiftung super. Weil es eben nicht einfach nur ein Konto für Leute ist, die alleine unterwegs sind und vor allem sich selbst im Fokus haben. Sondern es geht tatsächlich auch um Menschen, denen was daran liegt, dass es den Menschen um sie herum auch gut geht. Und dieser Gemeinschaftsgedanke war für mich am Ende ein ausschlaggebender Punkt, abgesehen von dieser sehr einfachen Darstellung meiner Liquidität. 

Am Ende des Tages musst du, glaube ich, ganz ehrlich überlegen. Klar, du kannst auch ein Konto bei deiner Sparkasse, Volksbank oder einem der anderen Fintechs eröffnen. Die geben und nehmen sich wahrscheinlich im Grund alle gar nicht so viel. Die einen sind digitaler, bei den anderen hast du vielleicht eine größere Sicherheit, dafür kosten die vielleicht ein bisschen mehr. Deswegen sind das für mich gar nicht die ausschlaggebenden Kriterien gewesen. Ich habe mich gefragt: Wer hilft mir in meiner Selbständigkeit? Und da bin ich bei Kontist fündig geworden, und zwar nur bei Kontist.

"Im März habe ich versucht, die Krise als gestaltbare Situation zu begreifen. Ich habe versucht, sie nicht als singuläres Ereignis zu sehen. Ich hab mich eher gefragt: Wie musst du dich jetzt verhalten, damit es weiterhin funktioniert? Und damit hatte ich eine Handlungsstrategie."

Wie hast du die Corona-Krise erlebt? Welche Maßnahmen hast du ergriffen?

Die Situation war für mich damals so: Ich war Ende Februar aus einem Auftrag gekommen, der über drei Monate ging und auch entsprechend viel Geld gebracht hat. Ich hatte eigentlich vor, die ersten zwei Märzwochen Urlaub zu machen und wollte dann so ab Mitte März wieder anfangen zu arbeiten. Ich hatte auch schon mehrere Gespräche geführt, teilweise schon das zweite, sogar das dritte Gespräch. Und ich war dann in der Woche, bevor die ersten Maßnahmen ergriffen wurden, mit meiner Tochter bei meinen Eltern in der alten Heimat, in der Nähe von Frankfurt am Main.  Ich kam zurück und stellte fest: Alle haben sofort alles fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Keiner meiner AnsprechpartnerInnen hat sich mehr gemeldet. Ich hatte weitere Anfragen in meinem Postfach beantwortet – da kam nichts, keine Antwort. Und da war natürlich der erste Gedanke: Wie lange wird das dauern? Wie lange halte ich das durch? Und da musste ich einmal die Kontist App öffnen und wusste es. Auf einen Blick konnte ich mir ausrechnen, wie viele Monate ich mit dem Geld, was auf dem Konto ist, durchhalte. 


Generell versuche ich, Entscheidungen immer so zu treffen, dass ich handlungsfähig bleibe und möglichst in jeder Situation auch andere Optionen habe. Im März habe ich versucht, die Krise als gestaltbare Situation zu begreifen. Ich habe versucht, sie nicht als singuläres Ereignis zu sehen. Ich hab mich eher gefragt: Wie musst du dich jetzt verhalten, damit es weiterhin funktioniert? Und damit hatte ich eine Handlungsstrategie. 

Dann konnte ich sagen: Okay, meine Ideen im Bereich X können weiter funktionieren, im Bereich Y nicht. Meine erste Maßnahme war also, alle meine Workshop-Angebote auf remote umzustellen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Leute jetzt wahrscheinlich deutlich öfter und länger auf den Online-Plattformen unterwegs sind, schlicht und ergreifend, weil jetzt jeder den ganzen Tag Zuhause vor dem Rechner sitzen muss. Mit anderen Worten: Wenn du da jetzt etwas aktiver wirst, dann wäre das wahrscheinlich gut für dich. Ich habe mir überlegt: Welche Angebote könnten Leute denn jetzt brauchen? Was verändert sich für Unternehmen durch die aktuelle Situation? Welche neuen Herausforderungen können entstehen und wie kann ich das in mein Angebot einbauen?

Ich habe keine Angst gehabt. Ich hatte Sorge, sicherlich, zum Beispiel: Mein Gott! Wenn sich jetzt keiner mehr meldet, was kann ich dann tun? Als Freiberufler oder Selbständiger kann ich natürlich nach außen Signale geben und sagen: Ich bin relevant für… Du kannst mich holen, wenn … Das kann ich nach außen geben. Aber ob etwas zurückkommt, das kann ich ja nicht steuern. Ich kann sicherlich sehr viele Dinge tut, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Aber es gibt ja keine Garantie am Ende des Tages. 


Und insofern habe ich auch viele Dinge neu bewertet. Habe mir überlegt, wie ich meine Zeit verbringe. Habe mich mit Weiterbildung beschäftigt, auch weil ich die Zeit dazu hatte. Ich hatte ja keine Aufträge und quasi keine Arbeit. Also hab ich mir selber Arbeit gemacht und mich weitergebildet und Zertifikate erworben.

Auch in vielen Gesprächen mit KollegInnen, die das Ganze ähnlich betrifft, habe ich gemerkt: Am Ende ist es wichtig, zwar nicht das Positive zu sehen – weil es eine beschissene Situation ist, wollen wir mal ehrlich sein –, aber handlungsfähig zu bleiben und nicht vor Angst oder Sorge gelähmt zu sein. Und wahrscheinlich bin ich deswegen so an agiler Arbeitsweise interessiert, weil es dort eben auch genau darum geht, handlungsfähig zu bleiben, immer. Egal was von außen kommt. Wenn dein Team agil ist, dann kann es darauf reagieren. Und das versuche ich eben auch für mich selbst umzusetzen.

"Und wahrscheinlich bin ich deswegen so an agiler Arbeitsweise interessiert, weil es dort eben auch genau darum geht, handlungsfähig zu bleiben, immer. Egal was von außen kommt. Wenn dein Team agil ist, dann kann es darauf reagieren. Und das versuche ich eben auch für mich selbst umzusetzen."

Hattest du diese Einstellung schon immer oder kann man sie erlernen?

Also Handlungsfähigkeit hat sicherlich etwas mit meinem beruflichen Umfeld zu tun und mit den Ideen, die dabei wichtig sind, mit den Prinzipien, die dabei eine Rolle spielen. Und gleichzeitig hab ich in meinem Leben einige Dinge erlebt, die mich in Situationen gebracht haben, in denen ich mich entscheiden musste: Wie gehe ich damit um? Und es waren nicht immer positive Dinge, das waren auch viele negative Dinge. Ich will nicht auf die Tränendrüse drücken, aber das waren Dinge, die andere vielleicht Schicksalsschläge nennen würden. Wenn du dich dann unter der Decke verkriechst, wird sich an deiner Umgebung nichts verändern. Solange du unter der Decke bist, hast du keinen Einfluss darauf, was außen geschieht, und die Dinge können schlimmer werden, sie können besser werden – aber es ist reine Glückssache. Wenn du selbst aktiv wirst, dann weißt du immer noch nicht, ob du Glück haben wirst. Aber du erhöhst die Wahrscheinlichkeit dazu. Und das ist doch eine großartige Sache! Das ist doch so ziemlich das einzige, was wir erreichen können in unserem Leben: zu versuchen, die Umstände zu verbessern. 

Gleichzeitig habe ich auch volles Verständnis dafür, dass bestimmte Situationen einen überwältigen, das war in meinem eigenen Leben auch so. Ich saß auch wochenlang unter der Bettdecke. Nur habe ich irgendwann für mich gelernt, dass man das vielleicht manchmal machen kann und manchmal vielleicht sogar machen muss, um zum Beispiel mit Trauer fertig zu werden. Aber dann Decke vom Kopf und weiter, nutzt ja nix.

"Wenn du selbst aktiv wirst, dann weißt du immer noch nicht, ob du Glück haben wirst. Aber du erhöhst die Wahrscheinlichkeit dazu. Und das ist doch eine großartige Sache! Das ist doch so ziemlich das einzige, was wir erreichen können in unserem Leben: zu versuchen, die Umstände zu verbessern."

Hast du einen Tipp, wie man es schafft, im beruflichen Kontext handlungsfähig zu bleiben, obwohl man sich privat vielleicht gelähmt fühlt? Als Selbständiger kann man die Arbeit ja meistens nicht einfach nach Feierabend ausblenden.

Ich bin kein besonders spiritueller Mensch. Auch Meditation und Yoga und all solche Dinge sind zumindest bislang nicht so meins. Und ich hatte auch immer mit dem Begriff der Achtsamkeit ernsthafte Schwierigkeiten, weil ich dachte: Halleluja! Get a grip.

Dann hab ich irgendwann mal ein Schlüsselerlebnis gehabt. Ich habe in einem Workshop gesessen. Ich gehörte damals zum Management einer Agentur hier in Berlin. Wir hatten eine Beraterin eingeladen, die uns helfen sollte, unsere Zusammenarbeit im Management-Team zu verbessern. Und quasi nebenbei hat sie ein paar Begriffe erwähnt, die ich irgendwie ganz spannend fand, und einer davon war die De-Identifikation. Wer sich mit Achtsamkeit ein bisschen auskennt, der kennt den Begriff vielleicht. Ich habe das zuerst gar nicht richtig wahrgenommen und dann später sagte die Beraterin: Ach übrigens, diese fünf Sachen, die ich gerade nannte, unter anderem auch die De-Identifikation, die kommen aus der Achtsamkeit. 

Bei De-Identifikation geht es darum, nach meinem laienhaften Verständnis, dass ich mich als Person von meiner Rolle, die ich in einer Situation habe, löse, also zum Beispiel von meiner Rolle im Unternehmen, von meiner Rolle in der Familie, von meiner Rolle in meinem Freundeskreis. So bin ich in der Lage, das, was mir gesagt wird und was sich auf meine Rolle bezieht, nicht auf mich als Mensch zu beziehen. Nicht auf mich als Person, sondern eben auf meine jeweilige Rolle. Und umgekehrt eben auch anderen Menschen so gegenüberzutreten und die Person nicht mit ihrer Rolle gleichzusetzen. Weil natürlich der Mensch viel größer ist als die Rolle, die er in einer Situation hat.

Das zu hören und zu verstehen und dann auch zu verinnerlichen, hat für mich dazu geführt, dass ich dieses Rollendenken anders sehe. Aus diversen Gründen habe ich vor ein paar Tagen meinen alten Blog mal wieder angeguckt und habe tatsächlich einen Artikel gefunden von 2005, in dem es um Rollen geht. Wie viele Hüte haben wir eigentlich so auf, im Privatleben, im Beruf, im Alltag? Und was bedeutet das für uns? Damals, als sehr junger Mensch, habe ich argumentiert: Rolle und Person sind ja schon so ziemlich das Gleiche und man muss eben ständig diesen Kontext-Switch hinkriegen. Und das ist ganz schön anstrengend und so, aber hey, muss man eben durch.

Ich würde das heute anders sehen. Und ich würde heute auch sagen, dass wir uns die verschiedenen Rollen, die wir einnehmen, gar nicht immer selbst aussuchen können, weil uns ja auch Leute in eine Rolle stecken, in die wir vielleicht gar nicht rein wollen. Das Wichtigste daran ist glaube ich – im Beruf wie im Privaten –, offen darüber zu sprechen. Was erwarte ich von dir in einer bestimmten Situation? Das ist essenziell. Das ist nichts, was man weglassen kann. Es ist so zentral, dass es quasi falsch ist, wenn du es nicht tust. Streich das quasi. Es ist falsch.

"Das Wichtigste daran ist glaube ich – im Beruf wie im Privaten –, offen darüber zu sprechen. Was erwarte ich von dir in einer bestimmten Situation? Das ist essenziell. Das ist nichts, was man weglassen kann. Es ist so zentral, dass es quasi falsch ist, wenn du es nicht tust. Streich das quasi. Es ist falsch."

Wenn du dir etwas von Kontist wünschen könntest, was wäre das?

Die Vernetzung, die die Kontist Stiftung leistet, finde ich super wichtig und wertvoll. Was die Banking-Dienstleistungen angeht, macht Kontist ja schon einiges. Ihr habt ja jetzt den Tax Service am Start, bei dem ich auch überlege zu wechseln. Für mich ist das eine Frage der Beharrungskräfte, weg von meinem alten Steuerberater, den ich seit vielen Jahren kenne. Ich projiziere da ein bisschen den gleichen Ease of Use, den ich mit dem Konto habe, hinein. Also mit anderen Worten: Wenn ihr meinen Steuer Service macht, dann muss ich nichts weiter tun, außer vielleicht mal eine Rechnung hochladen. In meiner Wahrnehmung wäre das ideal. 

Denn wie gesagt: Ich versuche in meinem Arbeitsalltag alles zu eliminieren, was nicht zu meiner eigentlichen Tätigkeit gehört. Und Rechnungsablage gehört nicht dazu. Ja, man muss das machen und ganz viele Leute sagen: Wer nicht bereit ist, das zu tun, der sollte es lieber lassen. Warum denn zur Hölle? Also wenn es eine Dienstleistung gibt, die Geld kostet, das ich bezahlen kann – warum sollte ich das dann nicht machen? Ganz im Gegenteil. Ich glaube, man sollte Lösungen, die es gibt und die man bezahlen kann, nutzen, um besser zu werden in der täglichen Arbeit. Einfach, um einen guten Job zu machen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen: Ach Gott, am Samstag muss ich wieder einen Stapel Rechnungen ablegen. 

"Ich glaube, man sollte Lösungen, die es gibt und die man bezahlen kann, nutzen, um besser zu werden in der täglichen Arbeit. Einfach, um einen guten Job zu machen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen: Ach Gott, am Samstag muss ich wieder einen Stapel Rechnungen ablegen."

Vielen Dank, Sascha, für deine Zeit.

Vielen Dank, Sophie! Und falls sich jemand fragt, wie sich das anfühlt, hier zu sitzen und mit Sophie zu sprechen: Es ist ein großes Vergnügen.

Danke dir! Lass es dir gut gehen. Bis bald.

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