Zu meiner täglichen Morgenroutine gehört es, die Nachrichtenseiten am Smartphone durchzublättern. Bei einem Artikel auf dem Techportal t3n war ich erst einmal ziemlich beunruhigt, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, vom Thema des Artikels direkt betroffen zu sein. Oder sagen wir besser vielleicht später betroffen zu werden: „ Solo-Selbstständige oft unter Mindestlohn-Niveau “, lautete nämlich die knackige Überschrift. Das hört sich natürlich zunächst überhaupt nicht gut an, doch irgendwie löste der Artikel dann schon gewisse Zweifel bei mir aus. Ich arbeite selbst als freier Autor und kenne somit ebenfalls das Gefühl, am Monatsende mal nicht die gewünschte Summe auf dem Konto zu haben, weil womöglich der eine oder andere eingeplante Auftrag – aus welchen Gründen auch immer – ausgeblieben ist. Doch insbesondere das kleine Wort „oft“ störte mich. Zwar empfinde ich mich selbst nicht als Paradebeispiel für jeden Selbstständigen, doch wenn es mit den Aufträgen gut läuft, stimmen auch die Honorare. Von Verdienst unter Mindestlohn kann dann keine Rede sein. Die Frage lautete für mich also: Auf welche Daten bezieht sich der Autor?

Die ZEW-Studie

Hintergrund des Artikels ist eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung . Dieses stellte in seiner Untersuchung heraus, dass es zwischen den einzelnen Gruppen von Selbstständigen in Deutschland ganz erhebliche Unterschiede im Bezug auf das Einkommen gibt. Dieses Ergebnis ist zunächst einmal nicht überraschend, denn der Erfolg der Selbstständigkeit hängt in erheblichem Umfang davon ab, mit welchen Fähigkeiten und in welchem Bereich man als Unternehmer tätig ist. Wenn man sich die Studie allerdings etwas genauer anschaut, wird schnell deutlich, wo das Kernproblem eigentlich liegt. Das ZEW sagt konkret, dass rund 30 Prozent der Solo-Selbstständigen unter dem Mindestlohn verdienen. Das hört sich nach sehr viel an, jedoch handelt es sich bei der genannten Gruppe offensichtlich gar nicht um Unternehmer im eigentlichen Sinne. Genannt werden stattdessen ganz konkret Scheinselbstständige , deren Arbeitgeber nicht in die Sozialversicherungssysteme einzahlt, obwohl er dazu verpflichtet wäre. Mit anderen Worten: Wer primär regelmäßig für ein und denselben Auftraggeber tätig ist, fällt im Prinzip überhaupt nicht in die Kategorie „selbstständig“. Das trifft in vielen Fällen besonders auf bestimmte Tätigkeiten in Bereichen wie Werbung und Marketing aber auch einfache Aushilfstätigkeiten zu. Diese werden aber auch ohnehin nicht besonders gut honoriert, weshalb diese in der Regel sowieso nur Nebentätigkeiten sind oder unregelmäßig ausgeübt werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel Messehostessen oder Mitarbeiter in gastronomischen Bereiche bei Konzerten, Events usw.

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Keine prekären Lebensverhältnisse

Interessant ist auch ein weiteres Ergebnis der Studie. Obwohl die genannten 30 Prozent der Solo-Scheinselbstständigen unter Mindestlohn verdienen, scheinen sie sich trotzdem nicht in einer prekären Lebenssituation zu befinden. Grund dafür ist, dass viele diese Tätigkeiten nur im Nebenerwerb ausführen oder ein zweites Einkommen durch einen Partner generiert wird. Dennoch ist das Problem hier sehr schnell klar: In die Studie sind wie bereits angemerkt Personen einbezogen, die eigentlich gar keine Selbstständigen sind. Hierdurch wird der absolut falsche Eindruck vermittelt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Solo-Selbstständigen unter Mindestlohn verdienen und daraus eine große Armutsgefahr resultiert. Hier müsste somit umgehend der Gesetzgeber eingreifen. Wenn klar ist, dass ein Auftragnehmer nur einen Auftraggeber hat und darüber hinaus wie ein Angestellter in die Betriebsabläufe integriert ist, muss der Arbeitgeber ein Gehalt zahlen und der Auftragnehmer ist wie ein abhängig Beschäftigter einzustufen. Meiner Meinung nach sind die Kontrollen in diesem Bereich nach wie vor zu lückenhaft. Der Grund dafür ist vermutlich, dass die Scheinselbstständigen sich nicht gegen ihre Situation wehren, weil sie fürchten, dann ihre Aufträge – von denen sie abhängig sind – zu verlieren. Klar ist aber: Wer als Scheinselbstständiger arbeitet, schadet nicht nur sich selbst sondern vor allem auch anderen Selbstständigen, die dann gezwungen sind, mit ihren Honoraren im Wettbewerb nach unten zu gehen. Außerdem betrügt sich der Scheinselbstständige selbst, da er ja im Endeffekt abhängig beschäftigt ist und damit Anspruch auf die Zahlung des Arbeitgeberanteils der Sozialversicherung hat.

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Das Problem: Die Rente

Zwar gibt die Studie vor, dass selbst Scheinselbstständigkeit nicht zwangsläufig zu prekären Lebensverhältnissen führen muss, dennoch gibt es ein entscheidendes Problem: Solo-Selbstständige sind (bislang) nicht verpflichtet, für das eigene Alter vorzusorgen. Das ist ein erhebliches Problem, weshalb viele gering verdienende Freiberufler von Altersarmut betroffen sind und demzufolge später Grundsicherungsleistungen beziehen. Bestimmte Solo-Selbstständige sind über eigene Versorgungswerke abgesichert bzw. zahlen hierüber in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Ein Beispiel hierfür ist die Künstlersozialkasse , zu der ich hier im Kontist Blog bereits ausführlich mit meinen eigenen Erfahrungen berichtet habe. Voraussichtlich ab dem Jahr 2020 sieht der Gesetzgeber dann eine verpflichtende Altersvorsorge für alle Selbstständigen vor. Zwar soll die Entscheidung über die Wahl weitestgehend bei den Versicherten bleiben, dennoch wird das Thema von vielen Betroffenen sehr kritisch gesehen. Denn während beispielsweise gut verdienende Selbstständige selber über die Art ihrer Altersvorsorge entscheiden wollen, lohnt sich eine Absicherung für Geringverdiener womöglich gar nicht. Sie kommen auch mit regelmäßigen Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung kaum über das Grundsicherungsniveau, aufgrund der Beitragszahlung steht noch weniger eigenes Einkommen zur Verfügung, was im Umkehrschluss womöglich sogar die Selbständigkeit noch unattraktiver macht. Vor allem wenn man bedenkt, dass ja auch die gesetzliche Krankenversicherung nicht wie bei Angestellten zur Hälfte vom Arbeitgeber getragen wird. Zwar gab es mit Beginn des Jahres 2019 beim Thema Krankenkasse deutliche Entlastungen, von denen gerade Freiberufler mit geringem Einkommen profitierten, dennoch bleibt die Belastung mit Steuern und Sozialabgaben nach wie vor sehr hoch.

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Fazit

Insgesamt lässt sich meiner Meinung nach festhalten, dass das Thema Lohn für wirkliche Solo-Selbstständige nicht das zentrale Problem ist. Problematisch ist, dass der Staat nach wie vor zu wenig beim Thema Scheinselbstständigkeit hinschaut und geeignete Maßnahmen ergreift, diese zurückzudrängen. Viel problematischer ist jedoch oft nicht der aktuelle Lohn, sondern die mangelnde Altersvorsorge. Hier muss von staatlicher Seite mehr getan werden. Es wäre aber extrem unfair, gerade wenig verdienende Solo-Selbstständige zu 100 Prozent mit den Beiträgen zur Rentenversicherung zu belasten. Prinzipiell sollte es ähnlich wie bei den Versorgungswerken eine Möglichkeit geben, dass beispielsweise die Hälfte der Beiträge erstattet wird. Andernfalls dürften auf mittlere bis lange Sicht hin sehr viele Solo-Selbstständige ihren Beruf aufgeben müssen. Und das ist am Ende ein erheblicher Schaden für den Wirtschaftsstandort Deutschland, der erheblich vom Engagement der Unternehmensgründer abhängig ist.