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Selbstständigkeit

Existenzgründung: Worauf du dich gefasst machen solltest

Marlon Thorjussen

Freelance Editor

7. Okt. 2020

Dein Entschluss steht fest: Du willst gründen. Deine Idee ist gut, dein Business-Plan steht und du hast – falls nötig – die Unterstützung, die du brauchst. Dein Mindset lässt zu, dass du dich aufmachst, selbstständig zu werden. 

Doch was bedeutet das? Die Begriffe Eigenverantwortung, Tatendrang, Selbstdisziplin – sie sind Buzzwords, die allerdings einen ganz konkreten Hintergrund haben. Denn was auf alle Selbstständigen direkt nach ihrer Existenzgründung sowie im weiteren Verlauf ihrer Karriere auf sie zukommt, sind im Grunde immer die gleichen Dinge. 

Unterschiede bestehen allenthalben, da es junge Gründer gibt (die häufig kaum oder gar keine Berufserfahrung als Angestellter haben) und solche Gründer, die bereits ihre Erfahrungen haben. Während beide Gruppen sich den Herausforderungen der Existenzgründung stellen müssen, haben langjährige Arbeitnehmer gegebenenfalls auch noch mit Veränderungen zu kämpfen. Diesen Themen soll sich hier also gewidmet werden. 

Was Selbstständigkeit im Kern bedeutet

Existenzgründung im Beruflichen heißt, dass du dein eigenes Einkommen mit Hilfe deiner Fähigkeiten innerhalb einer von dir selbst aufgebauten Struktur erwirtschaftest. Vor allem ist die Selbstständigkeit – ob nun als Freiberufler oder Gewerbetreibender – die Entkoppelung von Arbeitgebern und damit auch von Strukturen. Diese Strukturen sorgen bei Angestellten vor allem dafür, dass diese ihre Zeit komplett für ihre Tätigkeit nutzen können.

Als Selbstständiger ist das nicht mehr der Fall. Hier musst du alles rund um die eigentliche Arbeit (vor allem Buchhaltung, Akquise und das Rechnungswesen) selbst in die Hand nehmen. Unabhängig davon, was du tun möchtest, kommen diese Tätigkeiten auf dich zu. Ein anderer großer Posten deine Finanzkalkulation.

Denn der Unterschied zwischen einem Angestelltenlohn sowie im Einkommen eines Selbstständigen besteht vor allem darin, dass der Angestellte im Grunde nur auf sein Monatsgehalt nach Abzügen schauen muss und meist Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekommt und freilich auch versichert ist. Der Selbstständige hat diesen Luxus nicht – denn er muss sich damit befassen, wie er alles Anfallende, insbesondere Sozialversicherungsbeiträge sowie seine Altersvorsorge, bezahlen kann. 

Selbstständigkeit heißt auf der finanziellen Ebene also, umzudenken. Darauf soll gleich noch einmal eingegangen werden. Und dieses Umdenken erfordert eine Beschäftigung mit Geld und – ganz banal – mit dem Rechnen. 

Existenzgründung heißt also nicht nur, Eigenverantwortung dafür zu übernehmen, Leistung zu erbringen. Es heißt eben auch, dass die oben erwähnten Strukturen – von der Buchhaltung einer Firma über das automatische Abführen deiner Sozialversicherungsbeiträge bis hin zum eingetragenen Urlaubsanspruch – komplett entfallen. 

Außerdem ist das Selbstständigendasein ein andauernder Lernprozess. Wenn dir die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen und auch mal Neues auszuprobieren, fehlt, wird es schwierig. 

Das Schaffen eigener Strukturen

Insofern du angestellt warst, hattest du vermutlich feste Arbeitszeiten, Wochenenden und relativ klar definierte Aufgaben. Als Selbstständiger ist das etwas schwieriger, denn der äußere Rahmen entfällt ja. Das heißt, dass du selbst dir eine Struktur schaffen musst. 

Das gängige Missverständnis, wenn von frei einteilbarer Arbeitszeit gesprochen wird, ist ja die Annahme, dies bedeute mehr Zeit für alles und die Möglichkeit, Dinge aufzuschieben. Dabei ist freie Zeiteinteilung lediglich ein Euphemismus dafür, dass dir keiner mehr sagt, wann du was tun solltest, um gut voranzukommen. Du musst dir also selber einen Zeitplan machen – und dich vor allem daran halten. 

Nehmen wir einmal ein fiktives Unternehmen her, um Strukturen zu erörtern. Dieses Unternehmen hat einen festen Ablauf für das Rechnungswesen, es gibt eine Buchhaltung, es gibt Menschen für die Kundenkommunikation, es gibt vielleicht Abteilungen und es gibt eine mehr oder minder hierarchische Struktur. 

All diese Dinge bist du selbst, wenn gegründet hast. Du bist dein Buchhalter, schreibst deine Rechnungen, kommunizierst mit Kunden und Geschäftspartnern, bist dein eigener Chef. Ohne klare Arbeitsstruktur klappt das ganz einfach nicht. Der Kurztipp ist: Richte dir feste Zeiten für Administratives ein und halte dich an einen strukturierten Arbeitsalltag. So verhinderst du, dass vor Unproduktives oder gar nichts tust. 

Du musst routiniert darin werden, deinen eigenen Erfolg zu evaluieren, deinen Kundenstamm einzuschätzen und deine Finanzen zu überblicken.

Der neue Blick aufs Geld

Geld zu verdienen, am besten mit einem Job, der wirklich Spaß macht, ist toll. Doch beim lieben Geld zeigt sich eine der größten Umstellungen, auf die sich gerade ehemalige Gehaltsempfänger gewöhnen müssen. 

Denn alle netten Dinge, wie der sogenannte Arbeitgeberanteil bei Sozialversicherungsbeiträgen, Urlaubsgeld, Betriebsrenten und das meistens schon erledigte Abführen von Steuern, entfallen. Stattdessen muss dein Brutto-Stundenlohn nun all das hier mit finanzieren:

- volle Sozialversicherungsbeiträge

- gegebenenfalls Rentenbeiträge und/oder deine private Altersvorsorge (ein Thema für sich)

- deinen Urlaub

- Krankentage

- deine nicht direkt in bezahlte Arbeit investierte Zeit (Administratives, Kundenkommunikation etc.)

- Investitionen

- Steuern

Das ganz Thema Stundenlohnkalkulation wird hier aufgeschlüsselt. Dies gilt so für nahezu alle typischen Freiberufler. Bei Gewerbeitreibenden muss entsprechend der Gewinn stimmen.

Ein anderer großer Punkt ist die Sache mit den Steuern. Arbeitnehmer kommen in der Regel mit dem Lohnsteuerjahresausgleich (wenn überhaupt) aus. Selbstständige haben hier ganz andere Verpflichtungen und vor allem mehr Möglichkeiten. Mit den Grundlagen solltest du dich daher befassen – auch dann, wenn du einen Steuerberater an deiner Seite hast. Das Thema Steuern einigermaßen zu durchschauen, ist eine Fähigkeit, die dir über Jahre nützlich sein wird. Einen Einstieg bietet dieser Beitrag hier.

Weiterhin hast du als Existenzgründer häufig eine relativ große Freiheit, wenn es um deine Altersvorsorge geht. Staatliche Rentenbeiträge, private Zusatzversicherungen, der Kapitalmarkt, Sachanlagen, Erspartes – auch hierzu wirst du dir Gedanken machen müssen. 

Existenzgründung ist auch Kommunikation

Existenzgründung heißt ja, dass du ein Business aufbaust. Und dieses Business braucht Kunden. Und diese Kunden musst du gewinnen. Deshalb ist es wichtig, dass du dir darüber im Klaren bist, dass Akquise und Werbung von nun an deine ständigen Begleiter werden. 

Das Ziel sollte es natürlich sein, dass deine Kunden irgendwann auf dich zukommen, weil du dir einen Namen gemacht hast. Aber irgendwo musst du anfangen. Und das bedeutet, eine Website zu haben, gerne mal Mails zu schreiben und dich umzuhören, wo vielleicht ein Auftrag auf dich wartet. Die Strategien hierfür sind mannigfach und in unterschiedlichen Branchen gibt es da unterschiedliche Vor- und Nachteile. 

Die Sache mit dem ersten Kundenstamm ist beispielsweise etwas, wovon beruflich erfahrene Menschen, die sich erst spät selbstständig machen, enorm profitieren können. Denn sie haben schon Kontakte und sind in ihrem Feld bekannt. Das ist ein Umstand, der vor allem den sogenannten Senior Talents und Handwerkern zugute kommt. 

Grundsätzlich sind Gründer gerade zu Beginn aber auf ihre Kunden angewiesen. Die richtige Kommunikation und das Aufsperren der Augen und Ohren zum Auffinden neuer Möglichkeiten, ist daher essenziell. Für Kommunikationsmuffel und solche, die am liebsten komplett allein im stillen Kämmerlein arbeiten, ist das schwierig. Eine gewisse Präsenz nach außen hin sowie eine Bereitschaft dazu, deine eigene Marke zu werden, solltest du mitbringen. 

Wem du Rechenschaft schuldig bist und was es heißt, sein eigener Chef zu sein

Als Angestellter führen Fehler zu Abmahnungen, zu Streits, zu Schäden und vielleicht sogar zur Kündigung. Als Selbstständiger ist das nicht der Fall. Hier ist es nur so, dass deine Fehler voll auf dich zurückfallen. 

Falsch kalkulierte Kosten oder Stundensätze, ein Fauxpas in der Kundenkommunikation oder auch ein rechtlicher Fehltritt können schmerzhaft werden. Während einige Fehler zum Lernen führen, sind andere eher ein kalkulierbares Risiko. Grundsätzlich gilt: Je mehr du durch deine Tätigkeit an Schaden bei anderen anrichten könntest, desto besser solltest du versichert sein. 

Alle anderen Fehler sollten lediglich zu Selbstreflexion führen. Lerne daraus und lebe damit, dass nicht alles immer glatt läuft. Dadurch, dass du selbst für dich verantwortlich bist, liegt es auch nur an dir, wie du mit Fehlern und Rückschlägen umgehst. Es gibt nach der Existenzgründung keinen doppelten Boden mehr. Auch das gehört zur Freiheit dazu. 

Auf sich allein gestellt zu sein (die wenigstens Existenzgründungen finden im Team statt), kann beängstigend sein. Gerade dann, wenn jemand aus einem Arbeitsumfeld mit tollen Kollegen kommt und klare Hierarchien gewohnt ist, ist das manchmal seltsam. Doch das Abenteuer Existenzgründung lebt genau hiervon: Deine neue Umgebung werden Kunden, vielleicht andere Freelancer und all die Leute, die du noch kennenlernst. Und dein Chef besteht ja weiterhin in Form deiner Ziele. Sie sollten dich leiten können und dir ein Anreiz dazu sein, strukturiert auf etwas hin zu arbeiten. 

Wann du bereit für die Existenzgründung bist

Wenn du dir vorstellen kannst, eigenverantwortlich zu arbeiten und zu handeln; du weißt, was du alles anmelden musst und welche Versicherungen du brauchst; du deine Ziele siehst; du weißt, dass das Lernen dazu gehören wird; du wirklich von deinem Ding überzeugt bist – dann wird es Zeit für die Existenzgründung als Selbstständiger. 

Ob du nun Freiberufler wirst oder ein Gewerbe aufbauen möchtest, ist egal. Beides erfordert Willen und sollte nicht ohne Vorbereitung getan werden. Das Gute ist, dass du deine Erfahrungen und Qualifikationen einfach mitnehmen kannst und davon profitieren wirst. Auf dich werden einfach noch ganz andere, zusätzliche Dinge zukommen. Diese zu meistern, und aus einer Idee ein gut laufendes Geschäft zu machen, ist der eigentliche Spaß an der Sache.