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Selbstverwirklichung ist Bullshit! Geld verdienen vs. Leidenschaft im Beruf

Selbstständig zu werden heißt für viele – oder gar die Meisten – sein Hobby zum Beruf zu machen. Oder zumindest eine Leidenschaft. Bei mir war das so. Ich liebte das Schreiben schon als Kind. Damals verfasste ich kleine Geschichten. Und irgendwann auch einen kurzen Roman. Einfach aus Freude.

In der Schule machte mir das kreative Schreiben ebenfalls viel Spaß. Bis ich in die Oberstufe kam. Klar, Deutsch war immer noch mein Lieblingsfach, aber wenn ich von einem Lehrer eingeimpft bekam, wie ein Einleitungssatz auszusehen hat, der Aufbau einer Nacherzählung aussehen muss (damit auch wirklich eine sehr gute Note drin ist) und ich im Hinterkopf insgeheim wusste, was ich als eigene Meinung niederschreiben muss, damit ich die Lehrkraft auch wirklich überzeuge, wurde das Schreiben für mich mehr zu einem einstudierten Prozess, als dass es mir wirklich Spaß bereitete.

Und doch habe ich die Freude am Schreiben nie verloren. Weder während meines Germanistik-Studiums, noch im privaten Bereich. Im Job sollte sich das dann schließlich ändern.

Als Texterin in einer Werbeagentur zu arbeiten und kreative Headlines als auch Longcopies für bekannte Marken zu schreiben war zunächst eine tolle Sache. Aber wenn du nur noch vor dem PC hängst, auf ein leeres Word-Dokument starrst und dich fragst, wie du es bitte schaffen sollst, zum morgigen Pitch die perfekte Idee zu haben, blockiert das massiv. Mich zumindest.

Also wurde ich selbstständig. Mit was? Mit dem Schreiben!

Wie trifft man die Entscheidung, was man beruflich machen will?

Für mich war die Entscheidung, mit was ich mich selbstständig machen möchte, leicht. Meine Leidenschaft war immer das Schreiben – und das wollte ich auch beruflich machen. Hat gut geklappt. Aber nicht bei jedem ist das so einfach.

Wenn du dich fragst, mit was du dich selbstständig machen bzw. welches Hobby du beruflich leben willst, musst du zunächst ganz tief in dich gehen. Svenja Hofert, Karriereberaterin, hat dazu einen spannenden Artikel auf Spiegel Online veröffentlicht. In ihrer Zeit als Karriereberaterin hatte sie es oft mit Menschen zu tun, die einem Hobby nachgingen, das nur wenig oder rein gar nichts mit ihrem Job zu tun hat, das sie allerdings zu ihrem Beruf machen wollten. Etwa Marc Müller, der viele Jahre als Bankberater tätig und damit sehr erfolgreich war. Der Wunsch, als Stadtführer Karriere zu machen war jedoch größer, als Menschen zu ihren finanziellen Wünschen zu beraten. Und so wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute verdient Müller sein Geld als Stadtführer, ist damit erfolgreich – und glücklich.

Realismus ist immer angebracht

Bei all der Euphorie muss man realistisch bleiben: Es ist schön, wenn einem sein Job Spaß macht, man seiner Leidenschaft auch beruflich nachgehen kann. Aber man muss auch davon leben können. Es ist schön, wenn man immer davon geträumt hat, sein eigenes Buch zu veröffentlichen. Doch wer seinen Job an den Nagel hängt, um ausschließlich an seinem Buch zu arbeiten und schließlich von den Verlagen eine Absage nach der nächsten erhält, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Ist Selbstverwirklichung also wirklich Bullshit? Unter Umständen ja. Zumindest wenn man sich für einen Job entscheidet, der zwar Freude bereitet, man aber nicht von dem Geld, dass die Arbeit abwirft, leben kann. Klar ist man glücklicher, aber wie lange? Wenn man noch dazu eine Familie ernähren muss, wird es erst recht kritisch.

Sollte man sein Hobby zum Beruf machen?

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin eine der Letzten die davon abrät, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und das zu tun, was man wirklich liebt. Aber muss es denn wirklich ein Hobby sein? Es kann doch auch etwas sein, was einem einfach nur Freude bereitet, aber eben keine Freizeitbeschäftigung.

Ein Beispiel: Nur weil man gerne musiziert, muss man nicht hauptberuflich in einer Band mitspielen. Und doch kann man seine Freude an der Musik leben – als Hobby. Dann wird eben nur am Wochenende oder zum Feierabend gemeinsam geprobt.

Das bringt seine Vorteile. Denn wozu sind Hobbys da? Um den Alltag zu vergessen und zu entspannen. Macht man sein Hobby zum Beruf, können genau diese positiven Effekte verschwinden. Das was einem als Freizeitbeschäftigung riesige Freude bereitet hat, wird plötzlich eine Pflicht. Eine Tätigkeit, die man rund acht Stunden täglich erledigt. Und die mit viel mehr zusammenhängt, als früher. Denn neben den eigentlichen Aufgaben, die mit dem Hobby zusammenhängen, fallen in der Berufswelt noch viele weitere Aufgaben an. Rechnungen schreiben, Buchhaltung erledigen, Umsätze kalkulieren, finanziell vorausplanen. Da bleibt von dem ursprünglich gefeierten Hobby nicht viel übrig.

Wie Leidenschaft dabei helfen kann, sein Business voran zu treiben

Und doch gibt es im Berufsleben nichts Schöneres, als das zu tun, was einem Spaß macht. Schließlich ist man mindestens die Hälfte seiner Lebenszeit beruflich eingespannt. Ich selbst habe es an mir, aber auch an vielen Menschen in meinem Bekanntenkreis, beobachten können: Wer seinem Beruf mit Leidenschaft nachgeht, ist erfolgreicher. Denn dann wird die Arbeit nicht immer zwangsläufig mit Arbeit in Verbindung gebracht. Wenn ich einen spannenden Artikel schreibe, vergeht die Zeit wie im Flug. Es macht mir Spaß, meine Gedanken niederzuschreiben und mit der Welt zu teilen. So wie ich es gerade tue. Einer guten Freundin von mir geht es nicht anders, obwohl sie ein gänzlich anderes Arbeitsmodell gewählt hat. Während ich mich für die Selbstständigkeit mit all ihrem Für und Wider entschied, wählte sie die Beamtenlaufbahn. Heute ist sie Gymnasiallehrerin – und kann sich nichts Schöneres vorstellen.

Man muss also nicht immer den Weg in die Selbstständigkeit gehen, um seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Und es muss nicht immer ein Hobby sein, das man beruflich lebt. Das Hobby meiner guten Freundin ist auch nicht das Unterrichten. Und doch kann sie sich für sich keinen besseren Job vorstellen. Deshalb ist sie so gut, in dem was sie tut und wurde binnen kürzester Zeit verbeamtet.

Kann ich nur erfolgreich sein, wenn ich mit Leidenschaft dabei bin?

Jein. Ich bin mir sicher, dass man in seinem Job auch gut sein kann, wenn er kein Hobby ist. Wie viele Menschen arbeiten als Steuer- oder Finanzberater, sind aber hobbymäßig nicht im Matheclub und lesen auch nicht mit Leidenschaft ihre Fachliteratur. Trotzdem sind viele unter ihnen exzellent, in dem was sie tun. Weil sie mathematisch begabt sind, logisch als auch analytisch denken und selbst über einen längeren Zeitraum fokussiert über einer Bilanz brüten können. Das sind Talente, die nicht jedem in die Wiege gelegt sind, aber Grundvoraussetzungen für die Arbeit in der Finanzbranche sind.

Ganz ohne Spaß bei der Arbeit geht es dann aber doch nicht. Es gibt so viele Menschen, die einer beruflichen Tätigkeit nachgeht, die ihnen eigentlich keine Freude bereitet. Dann quält man sich Tag für Tag zum Arbeitsplatz und ist einfach nur froh, wenn der Feierabend da ist. Das kann meiner Meinung nach nicht Sinn und Zweck eines Berufslebens sein.

Wie wäre es also mit einem Mittelweg? Beruflich etwas tun, das man gut kann, was auch irgendwie Spaß macht, aber nicht zwangsläufig ein Hobby ist. Oder vielleicht im weitesten Sinne ein Hobby. Das funktioniert sicherlich auch. So macht es auch Peer Wandiger von Selbständig im Netz. Er liebt seine Selbstständigkeit , bloggt gerne – und doch hat er seine Hobbys, wie das Spielen von Videospielen oder das Film- und Serienschauen – nicht zum Beruf gemacht. Dabei wären Blogs zu diesen Themen denkbar gewesen. Er hat sich bewusst dagegen entschieden. Warum? Damit er nicht bei jedem Filmeabend oder beim Zocken an die Arbeit denken muss. Diese Zeit ist für ihn zum Abschalten da.

Was spricht dagegen, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen?

Nur weil man sein Hobby zum Beruf macht, bedeutet das noch lange nicht Erfolg. Ein guter Freund von mir hat jahrelang an einem Buch geschrieben. Er kann sich hervorragend ausdrücken und hat einen spannenden Stoff umgesetzt. Und doch konnte er keinen Verlag finden, der seinen Roman druckt. Schade, aber keine Schande. Denn zum Glück hat er neben dem Schreiben nie aufgehört zu arbeiten. Und ist so auch finanziell weiterhin gut aufgestellt.

Nur weil man mit Leidenschaft bei der Sache ist, kommt der Erfolg nicht von alleine. Das ist einfach so. Auch wenn Leidenschaft bei der Arbeit mit Sicherheit eine gute Voraussetzung für Erfolg ist. Diese Voraussetzung ist aber nicht zwangsläufig ein Erfolgsgarant. Das sollte man nie vergessen!

Passion bedeutet noch lange nicht Erfolg

Es ist wirklich nicht einfach, mit der eigenen Leidenschaft Geld zu verdienen. Aber es ist möglich. Viele Mode- und Travel Blogger haben das bewiesen. Die wirklich erfolgreichen unter ihnen habe aber alle etwas gemein: Sie haben ihren Blog nicht mit der Absicht gestartet, damit Millionäre zu werden. Vermutlich haben sie mit ihrem digitalen Projekt aus Freude begonnen, ihren Blog neben der Arbeit gehegt und gepflegt – um dann irgendwann den Durchbruch zu schaffen.

Wie wäre es also mit einem anderen Weg? Nicht gleich den (sicheren) Job an den Nagel hängen und stattdessen das Hobby nebenbei ausweiten. In seiner Freizeit einen Blog hochziehen, eine Band gründen, ein Buch schreiben. Irgendwie so was. Und wenn es richtig gut läuft, kann man immer noch den Fokus auf die Leidenschaft alleine legen.

Mit Leidenschaft seiner Arbeit nachgehen ist und bleibt eine tolle Sache. Ich selbst würde auch nie mehr auf meine Freiheit als selbstständige Texterin verzichten – selbst wenn einmal die Aufträge ausbleiben sollten. Dann wird halt doppelt so viel gearbeitet und mehr Zeit in die Neukundenakquise gesteckt. Geld ist nicht alles. Aber doch ein wichtiger Teil des Lebens.