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Selbstständigkeit

Perspektivenwechsel - welche Chancen in der Corona-Krise stecken

Nina Sickinger

Freelance Editor

1. März 2021

Durch die Corona-Krise hat das Jahr 2020 unser aller Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Während die meisten - wie ich übrigens auch - zum Jahreswechsel 2019/2020 wahrscheinlich noch optimistisch und mit allerhand Plänen in die Zukunft geblickt haben, machte sich schon 1,5 Monate später ein gewisses Unbehagen breit. Auch wenn es sich bis dato um ein Virus handelte, das weit weg von uns grassierte und nach der hauptsächlichen Meinung Europa bestimmt niemals erreichen würde.

Leider weit gefehlt, denn wieder nur einen Monat später war es längst bei uns angekommen. Aber weit mehr als das: Es bremste unser gewohntes Leben in allen Bereichen in bisher unbekanntem Maße aus. Unsere Pläne von gestern waren von einem auf den anderen Tag hinfällig. Und es entstanden völlig andere und neue Herausforderungen. Wenn ich sage, es betraf alle Bereiche unseres Lebens, privat wie geschäftlich, dann ist auch klar, dass die Mehrheit von uns ziemlich hart getroffen wurde. 

Wie immer in unseren Blogartikeln widmen wir uns den Themen, die die selbständig Tätigen unter uns betreffen. Und genau diese Berufsgruppe, zumindest große Anteile davon, sah sich durch die Pandemie vor teils fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestellt. Alle anderen Berufsbereiche natürlich auch. Aber unser Fokus liegt nun mal auf Selbstständigkeit.

Und vielen Unternehmern und Unternehmen wurde, und wird nach wie vor, durch die langen Lockdown-Restriktionen komplett die Existenzgrundlage genommen. Und dieses "Spiel" scheint nunmehr seit fast einem Jahr nicht enden zu wollen. Viele haben mittlerweile komplett den Mut und die Perspektiven verloren. So viele Insolvenzen, die bereits jetzt schon angemeldet wurden. 

Falls du sogar zu denjenigen zählst, die sich Anfang letzten Jahres selbständig gemacht haben und dann voll von der Pandemie mit all den negativen Konsequenzen erwischt wurdest, ist natürlich klar, dass unter anderem viel Kraft dazu gehört, nicht aufzugeben beziehungsweise nicht aufgegeben zu haben. 

Denn die im Moment wahrscheinlich am häufigsten gestellten Fragen aller Betroffenen sind: Wie soll ich denn nicht verzweifeln oder den Mut verlieren? Wie soll ich jetzt reagieren, wie weiter agieren? Sind meine Prioritäten von gestern heute überhaupt noch praktikabel? Denn das letzte Jahr machte viele, teils krasse Anpassungen im Business nötig. Wie du das erfolgreich bewerkstelligen kannst oder auch einen Perspektivenwechsel herbeiführen kannst, dem gehen wir heute nach. 

Wie erlebst du persönlich diese Krise und wie gehst du damit um? 

Jeder Mensch ist anders. Und jeder Mensch reagiert anders in beziehungsweise auf eine Krise. Wie war/ist es bei dir? Warst du oft wütend? Warst du eher verzweifelt und frustriert? Warst du traurig und ängstlich? Wolltest du schon aufgeben oder hat es eher deinen Kämpfergeist à la "jetzt erst recht" geweckt?

Oder hat dich dieses Jahr mit all seinen Widrigkeiten vielleicht sogar dazu inspiriert, ganz neue Dinge zu entdecken beziehungsweise etwas Neues anzufangen? Haben sich deine Perspektiven im Leben - beruflich wie privat - verändert? Damit in Zusammenhang steht auch die Frage: Wem oder was bist du dabei eigentlich verpflichtet? 

Denn eines ist klar - in jeder Krise stecken immer auch viele Möglichkeiten. Und das Schöne an Herausforderungen - sie können ein wunderbarer Katalysator für positives Handeln und Veränderung oder sogar einen Neustart sein. Das einzige, das du tun musst, ist, die Herausforderungen anzunehmen. Klar, dazu braucht es Mut, starke Nerven, Willenskraft und auch eine Portion Gelassenheit. Manchmal bedeutet es auch, über sich hinauszuwachsen. Aber wie kann das gehen?

Neuartige Herausforderungen anzunehmen, ist gar nicht so leicht. Vor allem, wenn dein Business beziehungsweise deine Existenz bedroht ist. Dennoch gibt es eine recht einfache Formel: Was zählt, ist der Wille, das Vertrauen und der erste Schritt. Alles andere passiert dann oft von ganz allein. Und all das funktioniert auch, wenn du den weiteren Weg noch gar nicht kennst. 

Krisen verändern uns auf allen Ebenen

Bei vielen Menschen hat diese Krise aber noch zu einem weiteren Umdenken geführt. Hin zu einem bewussteren Leben, auch Arbeitsleben, und mehr Aufmerksamkeit für die wichtigen Dinge im Leben (die natürlich bei jedem anders sein können), die sich im sonst hektischen und "normalen" Alltag eher davon schleichen.

Durch die lange Zeit des Lockdowns hatten und haben wir alle mehr Zeit - dabei möchte ich Eltern mit Kita- oder Schulkindern nicht zu nahe treten. Es ist absolut klar, dass sie unter einer noch höheren Belastung stehen und über diese Aussage wahrscheinlich nicht sonderlich erfreut sind. Dennoch soll es heute darum gehen, wie sich deine Prioritäten eventuell verschoben haben. Denn nur wenn du dir das bewusst machst, kannst du adäquat darauf reagieren.

Nochmal neu gefragt - ich habe im letzten Jahr mit vielen Leuten zu tun gehabt, die durch die Corona-Situation ihr Berufsleben genau unter die Lupe genommen haben - also eine Art  Bestandsaufnahme:

  • Macht es mir noch Spaß, was ich da tue?
  • Passt es noch mit aktuellen Situation zusammen?
  • Passt es grundsätzlich noch mit meinen Werten, Zielen und Visionen zusammen
  • Passt es noch mit meiner privaten Situation zusammen?

In einem weiterführenden Schritt kannst du dich noch fragen: 

  • Was müsste ich verändern?
  • Bin ich überhaupt bereit, meine selbständige bzw. freiberufliche Tätigkeit zu ändern?
  • Möchte ich vielleicht etwas ganz anderes machen oder mir ein neues Unternehmen aufbauen? Bzw. wie könnte ich es weiterentwickeln, weil ich festgestellt habe, dass sich meine Werte und Visionen verändert haben? Eventuell habe ich auch bemerkt, dass ich mich für eine gesündere, gerechtere und sicherere Welt einsetzen möchte. Aber wie könnte ich das mit meinem Arbeitsleben in Einklang bringen?

Das sind viele, teils auch sehr allgemeine Fragen und Anregungen und es wird unter Umständen nicht so einfach sein, sie von jetzt auf gleich zu beantworten. Das könnte dir dabei helfen, herauszufinden, was für dich individuell stimmig ist:  

  • Nehme dir ausreichend Zeit (am besten über mehrere Tage) und mache eine konkrete, schriftliche Bestandsaufnahme über die Ereignisse des letzten Jahres, die für dich durch die Pandemie ausgelöst wurden. Lege den Fokus auf deine selbständige Tätigkeit. Sei so gründlich und ehrlich wie möglich. Notiere zu jedem Ereignis auch, wie du darauf reagiert hast, was es in dir ausgelöst hat und wie du damit umgegangen bist.
    Beziehe auch das Private mit ein, denn beides lässt sich vielfach nicht voneinander trennen. Vielleicht stellst du dadurch erst fest, in wie vielen Bereichen es Überschneidungen gibt. Allein wenn du jetzt mit deiner selbständigen Tätigkeit vor Existenzschwierigkeiten stehst und du Familie hast, dann greifen beide Bereiche ineinander.

  • Dann finde für dich heraus, was von diesen Dingen, dich sehr berührt, beschäftigt oder nachhaltig beeinflusst hat und zwar sowohl negativ als auch positiv. Also, was hat dich geärgert oder aufgebracht, was hat dir viel Angst gemacht. Und was hat deine Begeisterung oder Leidenschaft entfacht. Erstelle jeweils eine Skala für Negatives und Positives und trage die Dinge ein. Ob die Skala von 0 bis 10 oder 0 bis 100 reicht, bleibt dir überlassen. 

  • Im Anschluss filterst du nochmal die Punkte heraus, die wirklich wichtig waren und listest auf, zu welchen Handlungen und Entscheidungen dich das jeweils geführt hat. Also, beispielsweise hat es dich zu neuen Handlungen veranlasst und wenn ja welche? Oder wenn du mit Existenzängsten konfrontiert warst, was hast du getan? Nichts oder fand eine Veränderung statt? Hast du vielleicht andere Interessen entwickelt? Hast du dein Business oder deine "Angebote" verändert?

    Hast du angefangen, dich auf Grund der weltweiten Entwicklungen für Politik zu engagieren, obwohl du früher eher uninteressiert warst? Hast du angefangen, dich gesellschaftspolitisch einzusetzen und dabei entdeckt, dass das eine neue Leidenschaft von dir sein könnte, die sich auch beruflich niederschlagen könnte?

Was du noch tun kannst

  • Oft hat man zwar gute Ideen und Vorsätze - und doch bleibt es bei einem "ja ich müsste, ja ich sollte, ja ich könnte". Wer kennt das nicht. Ich glaube, gerade im Business ist es immens wichtig: sich motivieren zu können, den eigenen Schweinehund zu überwinden, auch bei Rückschlägen oder zähem Vorwärtskommen durchzuhalten. Das ist die eine Seite.

    Die andere geht eher in Richtung: den eigenen Perfektionismus und einen überhohen Anspruch an sich selbst im Zaum zu halten. Denn genau wie Antriebslosigkeit kann dir auch das Gegenteil ganz schön im Wege stehen. Wenn dann noch innerlicher und/oder äußerlicher  Druck dazu kommen, mit dem inneren Drängen, es unbedingt schaffen zu wollen/müssen, können die Kraft und die Puste ganz schnell ausgehen. Deswegen ist es neben allen Business-Angelegenheiten unglaublich wichtig, nebenbei auch etwas für dich selber zu tun.

    Gut verreisen oder ein verlängertes Wochenende als kleine Auszeit oder zum Energietanken geht leider gerade nicht. Auch ist es für viele nicht unbedingt einfach, mit der Angst und eventuell sogar Panik, die so eine Pandemie in uns auslösen kann, umzugehen. Und da es dabei um eine weltweite Krise handelt, ist es sozusagen auch etwas sehr Kollektives. Wenn sich um den gesamten Erdball die Angst der Menschen sammelt, ist es auch für den Zuversichtlichsten und Angstlosesten schwer, sich dem zu entziehen.

    Suche dir an dieser Stelle etwas, wodurch du dich entspannen und eben auch Kraftschöpfen kannst. Entweder durch dein Hobby, was hoffentlich derart ist, dass du es auch derzeit ausüben darfst. Zudem helfen natürlich auch alle Entspannungstechniken wie Atemübungen, Meditation, Yoga etc. und auf jeden Fall täglich eine Bewegungsrunde. Und wenn es "nur" der Spaziergang um den Block ist. 

Was du noch für dich tun kannst - ein paar Anregungen liest du hier Warum du als Selbständiger gerade jetzt deinen mentalen, körperlichen und seelischen Zustand stärken solltest

  • Wenn du zu denjenigen gehören solltest, die durch den Shutdown Zeit gewinnen/gewonnen haben, kannst du dies unter anderem optimal dafür nutzen:
  • sich über Themen oder Themenbereiche zu informieren, in denen du einen Wissensmangel hast oder was dich interessiert
  • Herauszufinden, was dir wirklich wichtig ist
  • dich weiterzubilden, um dein Business während und auch nach der Krise weiterzubringen
  • dein Business den neuen Gegebenheiten anzupassen, wie zum Beispiel dein digitales Arbeitsleben auszubauen (wenn in deinem Bereich möglich)
  • dir Inhalte von anderen Selbstständigen, Gleichgesinnten und Netzwerkern anzusehen und daraus zu lernen. In diesem Blogartikel kannst du nachlesen, wie du dich optimal vernetzen kannst Business-Netzwerke für Freelancer.
  • Und als ganz wichtigen Punkt, weil er thematisch bei diesem Artikel im Vordergrund steht: Hat es eine Veränderung hinsichtlich deiner Visionen und Prioritäten gegeben, gehe es (behutsam) an, dein Business dem anzupassen oder es eventuell ganz neu auszurichten. 

Und: Falls dir im Laufe dieser Bestandsaufnahme Aspekte auffallen, die dir bisher verborgen waren, nehme diese als Anreiz. Manchmal liegt genau darin die Power für Neues. Denn an der Oberfläche bemerken wir unsere tiefen, inneren Wünsche oder Visionen oft nicht oder nicht so deutlich, da wir vielleicht denken, dass diese mit unserem realen Leben nicht zusammen zu passen scheinen.

Da spricht aber oft nur eine Unsicherheit: denn Veränderung ist immer auch Neuland, in dem man sich erst einmal nicht auskennt. Da ist Unsicherheit erst einmal völlig normal. Aber stelle dir mal die Frage: Was würde ich eventuell verpassen, wenn ich nur auf meine unsichere Stimme höre und nichts wage? 

  • Du kannst unser Thema aber auch noch unter anderen Gesichtspunkten betrachten, die auf die Zukunft bezogen nicht zu unterschätzen sind: 
  •  Was würde oder wird mit mir, meinem Leben und meinem Business passieren, wenn ich nichts unternehme?
  • Was würde oder wird mit meiner Familie passieren, wenn ich nichts unternehme?

  • Wenn du deine Bestandsaufnahme dann beendet hast, solltest du die Punkte, die ganz oben stehen, auf jeden Fall angehen, falls nicht schon geschehen. Auch wenn es bedeutet, dass du dein bisheriges Unternehmen komplett verändern müsstest. Auch wenn du jetzt denkst, naja bald ist die Krise doch sicher vorüber, dann geht wieder alles sein gewohnten Gang.... Diese Gedanken sind zwar absolut verständlich, denn gewohnte Routinen sind vermeintlich sicherer als sich auf Neuland zu wagen.
    Doch ich denke, ist einmal ein Umdenken oder ähnliches durch eine Krise passiert, ist es oft schwerer in alten Gewohnheiten und Strukturen zu bleiben als einen neuen Weg einzuschlagen. Und dann kommen wir nochmal zu der Frage:

    Wem oder was bist du auf diesem Wege eigentlich verpflichtet? Alten Weggefährten? Alten Mustern? Alten Geschäftskontakten, die jetzt vielleicht gar nicht mehr zu deinen neuen Werten passen? Und machen diese bisherigen Verpflichtungen überhaupt noch Sinn? Das ist in diesem ganzen Gefüge sicherlich die Gretchenfrage. Und nur du allein kannst sie dir beantworten. Und du bist nur dir allein  verpflichtet und kannst deshalb deine Perspektiven komplett neu ausrichten. 

Wie wir bei Kontist die Krise erlebt haben, kannst du hier lesen Das Jahr 2020 - Rückblick, Einblick, Ausblick.