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Warum du als Freelancer deine Neugier erforschen und erkennen solltest

Marlon Thorjussen

Freelance Editor

18. Okt. 2021

Wer neugierig ist, ist interessiert. Wer interessiert ist, ist lernfähiger und offener bezüglich einer Sache. Und wer lernfähig und offen ist, kann sich Fähigkeiten aneignen und diese auch nutzen. Es wird wohl kaum einen Autoren geben, der selber nicht liest oder keine Lust auf Sprache hat. Und Illustratoren werden gewiss Neugier gegenüber neuen Tools zum Illustrieren oder auch den Werken anderer Künstler verspüren. Das ist die eine Seite der Neugier, die oft auch mit Leidenschaft einhergeht.

Die andere Seite ist die Ablenkung: Wer allzu neugierig ist und sich mit allem, was ins Blickfeld rutscht und nicht uninteressant scheint, beschäftigt, der kommt oft vom eigentlichen Weg des Alltags ab. Das ist natürlich nichts Schlimmes, solange du trotz aller Ablenkungen noch alles schaffst, was geschafft werden muss. Ich selbst habe beispielsweise das Problem, beim Recherchieren für Texte ständig im Klein-Klein von Teilaspekten hängenzubleiben. Beim Schreiben wird das dann wieder ausgedünnt – natürlich.

Neugier und ehrliches Interesse sind gute Dinge. Nur lohnt es sich natürlich, zwischen vorübergehender Neugier (und Ablenkung) und der beständigen Neugier zu unterscheiden. Es ist ein wenig wie mit dem Verliebtsein: Am Anfang ist ohnehin alles super, aber nach einigen Monaten verblasst das Rosa dann doch etwas. Es folgt die Entscheidung: Nehme ich diese nette, kurze Erfahrung mit oder sehe ich, dass die sich aufbauende Verbundenheit sogar das bedingungslose Verliebtsein überflügelt? Und sehe ich das Potenzial zur bedingungslosen Liebe?

Das ist alles sehr subjektiv, aber ich bin als freiheitsliebender Mensch und Selbstständiger überzeugt davon, dass ein jeder im Rahmen seiner Freiheiten abwägen sollte, was er wirklich auf lange Sicht tun möchte. Während der Ausbildungsweg und das Talent natürlich eine große Rolle spielen, entscheiden doch am Ende andere Faktoren über die Zufriedenheit im Berufsleben.

Erfolg ist toll. Richtig toll ist aber Erfolg (oder zumindest ein zufriedenstellendes Ergebnis) nur, wenn der Weg dorthin an sich ein sich richtig und gut anfühlender war. 

Interessen visualisieren und Schnittpunkte ausfindig machen

„Folge deiner Leidenschaft“ und „Tu, was dir Freude macht“ sind Sätze aus Glückskeksen ohne Mehrwert, wenn man nicht weiß, was nun die Leidenschaft sei oder was Freude bereitet. Es hilft daher ungemein, noch einmal zur Neugier zurückzukehren und hier das Leidenschaft erweckende herauszudestillieren. 

Steven Kotler, ein Autor und Journalist, der sich mit Themen wie (Work-)Flow, Selbstmotivation und ähnlichem beschäftigt, hat einen recht simplen Vorschlag gemacht, wie du und ich Neugier zumindest einmal visualisieren können. So lässt sich herausfiltern, was wirklich ein gutes Betätigungsfeld – für einen Freelancer oder auch als Hobby – sein kann. Grob lassen sich Kotlers Schritte derart formulieren:

1. Mach eine Liste von Dingen, die dich neugierig machen

2. Suche nach Überlappungen

3. Beschäftige dich mit den Überschneidungen und teile deine Erfahrungen (etwa Gelerntes, Gelesenes oder Gemachtes) mit anderen 

Dazu seien zwei Dinge angemerkt: Erstens müssen die Interessen spezifisch sein. „Sport“ ist nicht ausreichend. Die Sportart und die Frage, ob es Team- oder Einzelsport sein soll, solltest du benennen können. Zweitens basiert die Empfehlung, deine Erfahrungen zu teilen, auf der Idee, dass das Teilen von positiven Erlebnissen und Gedanken Dopamin ausschüttet. Dopamin macht glücklich und motiviert. Die Idee ist also, durch weitere Beschäftigung eine hormonelle positive Rückkopplung zu erzeugen.

Natürlich ist das alles nicht statisch: Interessen ändern sich. Aber für den Anfang kannst du so Dinge priorisieren lernen – und zwar anhand der Überlappungen. Insgesamt ist die Fähigkeit zur Priorisierung von Tätigkeiten und Arbeitsschritten wertvoll. 

Deine neuen Prioritäten, also die Dinge, die dich aus verschiedenen Gründen neugierig machen, sind diese, denen du nachgehen solltest. Auf meiner Liste fände sich beispielsweise eine Überlappung zwischen dem Schreiben an sich und Finanzthemen. Es liegt also auf der Hand, dass ich als Texter gern zu beispielsweise Börse und Steuern schreibe – aber eben auch dazu lese und lerne.

Nun gilt es für dich aber vor allem, den wirklich vorhandenen und durch mehrere Teilaspekte bestätigten Interessen nachzugehen. Wenn dich etwas aufgrund zweier oder dreier Aspekte neugierig macht, dann ist es das, mit dem du dich eher beschäftigen solltest als etwa mit einer Sache, die zwar auch irgendwie interessant klingt, sich aber ansonsten kaum ins Bild einfügt. Schließlich ist die Chance hoch, dass das Neugier verursachende etwas, welches auf deiner Liste dominant ist, dich auch wirklich langfristig begeistern kann. Das ist dann der Nährboden für Leidenschaft.

Ergänzend kannst du auch direkt Dinge ausschließen. Aspekte deiner Arbeit oder Dinge ganz allgemein („Keine Telefonate vor zehn!“) sowie möglicherweise bestimmte Themen. Auch diese Dinge kannst du auflisten und nach Überschneidungen suchen. Was bei dir wirklich auf starke Ablehnung stößt, solltest du in der Tat so gut es geht umgehen.

Warum Leidenschaft und Freelancing zusammengehören sollten

Häufig genannte Gründe für Selbstständigkeit sind Unabhängigkeit und Freiheit. Allein das sind Dinge, die die Lebensqualität erheblich verbessern können. Aber was bringt die Freiheit dir in der Theorie, wenn du sie durch Uninteressantes und nicht Erfüllendes erhältst? Wer hat es besser: Der freie Selbstständige, der etwas tut, was ihm keine Freude bereitet? Oder der „unfreie“ Angestellte, der in seinem Beruf wirklich aufgeht?

Es ist auch kein Geheimnis, dass Leidenschaft für eine Tätigkeit dafür sorgt, dass man ihr erfolgreicher und motivierter nachgeht. Auch das ist natürlich eine Glückskeks-Aussage. Allerdings hat nicht jeder da Glück, wirklich das zu tun, was ihm liegt. Das ist nicht immer damit verbunden, dass es halt unrealistisch ist. Zuweilen ist es auch einfach so, dass einem (vor allem jungen) Selbstständigen vielleicht gar nicht bewusst ist, wofür er beruflich Leidenschaft entwickelt. Und genau da kommt die Sache mit dem echten Interesse ins Spiel. Wo du wirklich ohne Mühe dabei bleiben kannst, solltest du erforschen, was sich daraus machen lässt.

Interessen können in den Beruf hineinwachsen wie auch der Beruf zum echten Interesse heranwachsen kann. Nur: Wenn deine Tätigkeit als Freelancer überhaupt keinen Ansatzpunkt für deine echten Interessen – und damit für deine Leidenschaften – bietet, wird es irgendwann schwierig. Natürlich lässt sich berufliche Unzufriedenheit zu einem gewissen Grad mit einem erfüllten Privatleben ausgleichen. Dennoch stellt sich doch als selbstständig agierender Mensch die Frage, ob die eigens gefällte Entscheidung auch wirklich die angemessene im Rahmen der eigenen Möglichkeiten ist.

Wo die Leidenschaft für die eigene Tätigkeit komplett fehlt, kommen häufig auch schlechtere Ergebnisse zustande. Welchen Wert hat künstlerische Arbeit – und viele Freelancer-Tätigkeiten fallen darunter –, wenn der Künstler keine Zuneigung zum Werk verspüren kann? Wie soll ein Steuerberater gut sein, wenn er keine Freude daran verspürt, wirklich in die Materie einzutauchen und seinem Klienten durch geschickte Anwendung der Regeln vielleicht doch noch ein bisschen Geld einzusparen? – Eben.

Zuweilen muss man auch einfach umsatteln oder nebenbei etwas anderes machen.

Wie aus Neugier Expertise wird

Die Beschäftigung mit echten Interessen im Privaten und Beruflichen hat nicht nur den Vorteil, an sich erfüllend zu sein. Sie bietet dir auch die Möglichkeit, dich fortzubilden. Ganz egal, wofür dein Herz schlägt: Wenn du dich regelmäßig damit beschäftigst, wirst du irgendwann mehr darüber wissen als der Durchschnitt. 

Wenn du diese Expertise auch noch zum Geldverdienen nutzen kannst, hast du gleich doppelt gewonnen. Schließlich war der Weg zum Erlangen deiner Kenntnisse dank deines echten Interesses ein leichter. Und alles begann vielleicht nur mit der banalen Erkenntnis, dass die eine Sache dich aus mehr Gründen neugierig macht als die andere.