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Was Selbstständige über Inflation, Deflation und Stagflation wissen sollten

Marlon Thorjussen

Freelance Editor

25. Okt. 2021

Die Inflationsrate ist dieser Tage und Wochen in den Medien wieder präsenter. Schließlich ist sie höher als gewöhnlich und für dich und mich heißt das vor allem, dass vieles teurer wird. Auch über die Stagflation wird wieder mehr gesprochen. Vor allem an den Finanzmärkten ist die Stagflation ein großes Schreckgespenst. Die Deflation hingegen ist eher selten geworden.

Wenn du dich nun fragst, was dich diese Begriffe aus der Ökonomie angehen, dann möchte ich folgende Stichpunkte als Antwortvorschläge nennen:

- Preisfindung und Stundensatzkalkulation

- Produktionskosten sowie sonstige Betriebsausgaben

- finanzielle Planung (Altersvorsorge am Kapitalmarkt etwa)

- Kredit- und Investitionsentscheidungen

Tatsache ist, dass Preisentwicklungen, Wertentwicklungen und auch Zinsen Auswirkungen auf die Finanzen eines jeden einzelnen haben. Bei Einzelunternehmern und Freelancern allgemein sind es vor allem die allgemeine Teuerungsrate und die Produktionskosten, die relevant sind. Bei Investitionen kommt auch noch das Kreditwesen hinzu. Falls du dich mit einer kapitalgedeckten Altersvorsorge beschäftigst, betreffen dich all die genannten X-Flationen.

Die Frage, warum Inflation, Deflation oder Stagflation entstehen, werde ich hier nur in Teilen beantworten. Die Diskussion darüber möchte ich gerne Ökonomen überlassen. Spannender ist doch, was du als Selbstständiger und deine Finanzen verantwortlicher Mensch daraus ableiten kannst.

Natürlich ist nichts vom hier Stehenden irgendeine Form von Beratung. Der Text dient der allgemeinen Information.

Inflation: Alles wird (fast immer) teurer

Inflation ist leicht verständlich, insofern von der Preisinflation gesprochen wird. Es ist so, dass immer wieder alles teurer wird. Die am Euro dauernd krittelnden Menschen, die gerne erzählen, dass früher alles günstiger war, haben natürlich recht, wenn es um Preisschilder geht. Wichtig ist aber das Verständnis, dass eine Inflation der Preise nur dann problematisch ist, wenn die zur Verfügung stehende Geldmenge nicht mithält. 

Inflation heißt ja, dass ich für eine Währungseinheit weniger Ware bekomme als vorher. Wenn ich in mehr Währungseinheiten im ähnlichen Tempo entlohnt werden, dann steigen immer noch nominal die Preise. Ich kann mir aber alles noch leisten, was ich vorher auch hatte.

Inflation bedeutet ein paar ganz konkrete Dinge: 

- Je höher die Inflationsrate, desto mehr Wert verliert gehaltenes Bargeld.

- Von jedem Zins und jeder Rendite muss die Inflationsrate abgezogen werden, um einen Realzins (also kaufkraftbereinigten Zins) zu berechnen.

- Wenn du höhere Kosten hast (sowohl Betriebsausgaben als auch Lebenshaltungskosten), bleibt am Ende des Monats vom gleichbleibendem Einkommen weniger übrig.

Auch konkret sind Sprit- und Energiekosten: Momentan kommt es zu einer enormen Teuerung bei Öl und Gas. Zusätzlich wird die Entwicklung der Bepreisung von Kohlenstoffdioxid ebenfalls zu höheren Preisen führen. Autofahrer merken es derzeit. Am meisten von der Inflation betroffen waren allerdings in den letzten Jahren wohl Mieten und Immobilienpreise.

Eine moderate Inflationsrate, wie sie die letzten Jahre (derzeit ist sie, auch pandemiebedingt, höher) üblich war,  kann dich als Selbstständigen vor allem einmal darüber nachdenken lassen, wie sich in Zukunft deine Investitionen und dein Sparverhalten anpassen sollten. Bei Investitionen gilt: 1.000 Euro heute kaufen dir mehr als 1.000 Euro in fünf Jahren. Die Frage ist also, ob Anschaffungen nicht eher vorgezogen gehören. Auch dein Erspartes verliert schlichtweg an Wert, weil Bankguthaben keine Zinsen mehr bringen. Bei einer jährlichen Inflationsrate von 2 % (mittelfristiges Ziel der Europäischen Zentralbank) halbiert die Kaufkraft von Bargeld sich in etwa nach 30 Jahren. Nach zehn Jahren ist es schon ein Wertverlust von 18 %.

Wer sein Geld vermehren möchte, muss es also in Sachwerte oder auch Wertpapiere anlegen. Zu ETF-Sparplänen und ähnlichem steht hier einiges. Grundsätzlich sei dir aber gesagt: In einem inflationären Umfeld ohne hohes Zinsniveau ist es mathematisch bedingt nicht möglich, die Kaufkraft von Geld durchs Liegenlassen zu erhalten.

Auch deine Ausgaben sind von Inflation direkt betroffen. Wo Betriebsmittel und sonstige arbeitsrelevante Ausgaben höher werden, sollte also auch eine Preisanpassung stattfinden. Gewerkschaften nehmen die erwartete Inflationsrate oftmals als Grundlage für ihre Forderungen. Und auch die Rentenniveaus erhalten eine Preisinflationsanpassung. Warum solltest du als Freelancer nicht auch deine Stundensätze entsprechend anpassen?

Die Deflation: Vorbote einer Wirtschaftskrise

Deflation bedeutet, dass das Angebot höher ist als die Nachfrage. Es kommt infolgedessen zu Preissenkungen. Diese wiederum führen zu geringeren Gewinnen bei Unternehmen, die wiederum Löhne senken, Jobs streichen oder direkt durch Überschuldung in die Pleite rutschen. Die Menschen haben im Schnitt ein sich verringerndes Einkommen und auch der Staat erhält weniger Steuern. Deflation ist, nicht nur aus diesen Gründen, nicht gewollt.

Wichtig ist: Nicht jede Preisdeflation ist eine Deflation im oben beschriebenen Sinne. Oftmals sind es einfach bessere Fertigungsmethoden und höhere Effizienz, die Preise fallen lassen. Eine problematische Deflation in der gesamten Volkswirtschaft entsteht nur, wenn die Nachfrage dauerhaft und bei einem Großteil aller volkswirtschaftlich relevanten Sektoren geringer als das Angebot ist. 

Doch nicht nur die gesamte Wirtschaftsleistung sinkt in einer Deflation. Besonders schwer haben es dann alle Personen und Unternehmen, die verschuldet sind. Schließlich bleibt die Schuld gleich hoch, wenngleich aber Gegenwerte zur Refinanzierung der Schulden (also Arbeit etwa) immer niedrigere Entlohnungen erzielt. Die Schulden werden also insgesamt größer. Dies verstärkt das Abrutschen der Wirtschaft in eine Krise noch weiter.

Positiv ist Deflation nur für die, die ihr Einkommensniveau nominal halten können. Schließlich erhöht sich durch das allgemein fallende Preisniveau im deflationären Umfeld die Kaufkraft einer Währungseinheit.

Werden keine Gegenmaßnahmen ergriffen, kommt es zu einer Wirtschaftskrise. Interessanterweise hängen diese Gegenmaßnahmen damit zusammen, die Geldmenge zu erhöhen, um Investitionen und weitere Konsumausgaben anzuregen. Der Gedanke ist also, dass die schwächelnde Nachfrage durch „billiges“ oder auch „zusätzliches“ Geld für die Nachfrageseite angekurbelt werden soll. Üblicherweise kommt es im Rahmen der Maßnahmen gegen Deflation zu Zinssenkungen – ein Vorgang, der sich bei Zinsen nahe des Nullpunktes nur schwer realisieren lässt.

Deflation hat in der Vergangenheit zu heftigen Krisen geführt. Zu nennen sind die „Great Depression“ (USA) und die noch immer anhaltende Deflation in Japan seit den 1990er Jahren. Insgesamt hat Deflation immer den Nachteil, dass die gesamte Wirtschaftsleistung –  und damit auch die Ausgabenpotenz des Staates – sinkt.

Ideen für ein Handeln deinerseits bei anhaltender Deflation habe ich leider keine. Hoffen wir einfach, dass es nicht dazu kommt.

Die Stagflation oder: Nichts wird besser, aber dafür alles teurer

Stagflation ist ein Kofferwort aus Stagnation und Inflation und meint ein nicht vorhandenes oder sehr schwaches Wirtschaftswachstum bei gleichzeitigen Preisanstiegen. Gründe sind in der Regel Angebotsschocks, also die Teuerung eines bestimmten Gutes. In der Vergangenheit war es gern der Ölpreis: Wird Öl zügig teurer (siehe Ölkrise), steigen unter anderem die Energiekosten für die Wirtschaft. In der Folge wird weniger produziert, wobei die Nachfrage gleich hoch bleibt. Es kommt zu höheren Preisen, da das Angebot verknappt wird. Gleichzeitig sinkt allerdings die Wirtschaftsleistung, weil die Produktion ja gedrosselt wird.

Weil Unternehmen unter den Produktionsrückgängen und den – in diesem Beispiel – gestiegenen Energiekosten leiden, verschlechtert sich die finanzielle Lage. Es kommt zu Entlassungen und Pleiten. Während also die Arbeitslosenquote steigt, steigen auch die Preise. Zusätzlich kann eine Preisinflation eine Lohninflation nach sich ziehen – die wiederum neue Preisinflationen nach sich zieht. So kommt es zum Effekt, dass Unternehmen die höheren Lohnkosten durch erhöhte Endpreise einfangen müssen und die Lohnforderungen sich den erhöhten Endpreisen anpassen.

Angebotsschocks können auch temporär auftreten. So war im Zuge der Pandemie zu beobachten, dass sich die Frachtkosten per Land und See enorm verteuerten. Aktuell sind sie etwa sechs- bis achtmal so hoch wie vor der Pandemie. Gründe waren vor allem Aufholeffekte: Wo die Werke stillstanden, wurde die Nachfrage nach Zulieferungen nach hinten geschoben. Mit den Öffnungen und der Wiederaufnahme globaler Produktionsketten kam es zu einer untypisch hohen Nachfrage. Gleichzeitig quollen andernorts die Lager über. Die erhöhten Frachtkosten haben wiederum teilweise zu Teuerungen für Verbraucher geführt.

Rutscht ein Währungsraum über einen längeren Zeitraum in eine Stagflation, ist das nicht nur für viele Individuen schlecht. Auch am Aktienmarkt ist Stagflation eine der größten Sorgen. Schließlich bedeutet sie auch, dass Unternehmensgewinne sinken, Aktienkurse eher fallen und gleichzeitig der Gegenwert des Geldes durch die Inflation aufgefressen wird.

Warum du nicht nichts mit Wirtschaft zu tun hast

Du bist als Freelancer Teil der Wirtschaft eines Landes, eines Währungsraumes. Als möglicherweise globaler Investor oder auch Vielreisender bist du auch in anderen Währungsräumen und Volkswirtschaften dabei. Sicherlich: Du wirst keinen Einfluss darauf nehmen können, ob es nun gerade Inflation, Deflation oder Stagflation gibt. Aber ein bisschen etwa darüber zu wissen schadet überhaupt nicht. Gerade Inflation ist ja der Normalzustand, der dich im aktuellen Zinsumfeld dazu zwingt, über dein Erspartes nachzudenken.

Gleichzeitig ist die Preisinflation bei den dich betreffenden Gütern im Alltag relevant. Es macht einfach einen Unterschied, ob der Sprit 1,59 oder 1,99 Euro pro Liter kostet. Auch Kaffee oder schlichtweg Kartoffeln können teurer werden. Entsprechend solltest du dafür sorgen tragen, dass dein Einkommen entsprechend steigt.

Insgesamt gilt: Hinter dem Wert des Geldes steckt etwas mehr als die Zahl darauf.