Der Blick in die Vergangenheit greift oft zu kurz
Hinzu kommt, dass klassische Kreditentscheidungen häufig auf historischen Daten basieren. Jahresabschlüsse, Steuerbescheide und langfristige Entwicklungen liefern zwar wichtige Informationen, zeigen aber vor allem, wie es für ein Unternehmen in der Vergangenheit gelaufen ist.
Gerade bei Selbstständigen, die sich im Aufbau befinden oder schnell wachsen, entsteht dadurch oft ein verzerrtes Bild. Die aktuelle wirtschaftliche Situation wird nicht immer ausreichend berücksichtigt.
Besonders problematisch ist das für wachsende Selbstständige. Nehmen wir noch ein Beispiel: Dein Umsatz steigt von 2.000 € auf 6.000 € pro Monat innerhalb eines halben Jahres. Deine letzten Steuerbescheide zeigen aber noch die niedrigeren Einnahmen. Für viele Banken zählt trotzdem primär diese „alte Realität“.
Warum Sicherheiten lange eine große Rolle gespielt haben
In traditionellen Kreditmodellen spielen Sicherheiten eine wichtige Rolle. Sie dienen Banken als Absicherung für den Fall, dass ein Kredit nicht zurückgezahlt werden kann. Typische Beispiele sind Immobilien, Wertpapiere oder Bürgschaften durch Dritte. Für viele Selbstständige ist das schlicht nicht realistisch: Gerade Solo-Selbstständige oder Freelancer verfügen oft nicht über klassische Sicherheiten wie Immobilien oder größere Wertpapierdepots. In der Praxis ist oft nicht dein Geschäftsmodell das Problem, sondern das, was du privat besitzt.
Heute zeigt sich jedoch, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Sicherheiten können eine Kreditentscheidung beeinflussen, sind aber nicht mehr in jedem Fall entscheidend, insbesondere bei kleineren oder kurzfristigen Finanzierungen.
Bürgschaften als klassische Lösung mit Einschränkungen
Eine häufig genutzte Alternative zu eigenen Sicherheiten sind Bürgschaften. Dabei übernimmt eine dritte Person oder Institution die Haftung, falls der Kredit nicht zurückgezahlt werden kann. Auch Bürgschaftsbanken spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, insbesondere bei kleineren Unternehmen oder Gründungen.
Bürgschaften sind jedoch nicht immer eine ideale Lösung: Sie setzen voraus, dass jemand bereit ist, das finanzielle Risiko mitzutragen, und können persönliche Beziehungen belasten. Zudem lösen sie nicht das grundlegende Problem, und zwar die Einschätzung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Unternehmens.
Was sich durch digitale Finanzierung verändert
In den letzten Jahren hat sich die Bewertung von Krediten deutlich weiterentwickelt. Digitale Finanzierungsmodelle setzen stärker auf aktuelle Geschäftsdaten statt ausschließlich auf vergangene Kennzahlen oder Sicherheiten.
Statt nur Jahresabschlüsse zu prüfen, analysieren viele Anbieter heute Kontobewegungen der letzten Monate. Dazu gehören zum Beispiel:
- durchschnittliche monatliche Einnahmen
- Regelmäßigkeit von Zahlungseingängen
- bestehende Fixkosten
Dadurch entsteht ein deutlich genaueres Bild davon, wie ein Unternehmen aktuell wirtschaftet und ob es in der Lage ist, eine Finanzierung zu bedienen. Das verändert auch die Rolle von Sicherheiten. Sie sind nicht verschwunden, aber sie stehen weniger im Mittelpunkt. Stattdessen rückt die tatsächliche Zahlungsfähigkeit in den Fokus.