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Kommt die Rentenversicherungspflicht für Selbständige?

Die eigene Rentenversicherung ist bei vielen Selbständigen die große Schwachstelle überhaupt. Als Unternehmer musst du in erster Linie Chancen und Potenziale erkennen. Du beschäftigst dich den ganzen Tag mit Szenarien, in denen alles gut läuft.

Auch wenn diese optimistische Herangehensweise absolute Grundvoraussetzung für den Erfolg als Selbständiger ist, so kontraproduktiv ist dieses Mindset bei der eigenen Altersvorsorge.

Viele Selbstständige setzen voll und ganz auf das eigene Unternehmen. Entweder soll es zum Renteneintritt verkauft werden, um anschließend von dem Erlös zu leben, oder es soll so groß werden, dass es ein passives Einkommen bescheren soll. Doch leider funktioniert genau das recht selten und ist als einzige Altersvorsorge hochriskant.

Aus diesem Grund habe ich vor kurzem den Artikel “Altersvorsorge für Selbstständige - Optimale Strategien gegen Altersarmut” geschrieben und darin einen groben Überblick über die sonstigen Vorsorgemöglichkeiten als Selbständiger gegeben.

Kommt die gesetzliche Rentenversicherungspflicht für Selbständige?

Anders als Angestellte sind die meisten Selbstständigen nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Sie müssen sich also vollkommen eigenständig um ihre Altersvorsorge kümmern.

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Es gibt aber einige Ausnahmen, bei denen das Gesetz schon jetzt eine Rentenversicherungspflicht vorsieht. Das betrifft unter anderem die Berufsgruppe der Lehrer und Erzieher, Pflegekräfte, Hebammen oder aber auch Künstler und Publizisten. Eine vollständige Übersicht bekommst du auf der Seite der Deutschen Rentenversicherung. Diese Selbstständigen müssen - ähnlich wie Arbeitnehmer - einen monatlichen Betrag in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und bekommen später eine gesetzliche Rente.

Neben diesen gesetzlich Pflichtversicherten gibt es eine ganze Reihe von berufsständischen Vorsorgeeinrichtungen. Insbesondere Steuerberater, Architekten, Rechtsanwälte und Ärzte haben berufsspezifische Versorgungswerke, in die die Selbständigen einzahlen und aus denen sie später eine Rente erhalten.

Übrig bleiben etwa 3 Millionen Selbständige, die gar keiner Rentenversicherungspflicht unterliegen und die in Eigenregie vorsorgen müssen.

Viele von ihnen - so befürchtet die Politik - werden später nicht genügend Geld zum Leben haben und dem Steuerzahler zur Last fallen. Und die Sorge ist nicht ganz unberechtigt: Mehr als jeder vierte Selbständige (27 Prozent) kann sich gerade so über Wasser halten und hat weniger als 1.100 Euro/Monat zur Verfügung (Quelle: Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)). Geld für eine angemessene Altersvorsorge fehlt also an vielen Stellen.

Das führt dazu, dass viele Selbständige im Alter auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Die Hälfte aller Menschen, die auf diese Form der Hilfe angewiesen sind, haben gar keine Rentenansprüche. Nicht aus der staatlichen Rentenversicherung und auch nicht aus einer privaten.

Vor allem die CDU möchte das Problem gerne mit einer Rentenversicherungspflicht für Selbständige lösen. So sollen alle Selbständigen per Gesetz zu mehr Disziplin gezwungen werden. Das Thema stand das erste Mal auf der Tagesordnung, als Ursula von der Leyen Arbeitsministerin war und wird seitdem immer wieder heiß diskutiert.

Dass eine solche Regelung kommen wird, ist inzwischen ziemlich sicher. Einzig und allein die Methode ist nicht klar. Im Wesentlichen gibt es zwei Methoden, wie man eine solche Rentenversicherungspflicht für Selbständige umsetzen könnte:

  1. Durch eine Verpflichtung aller Selbständigen, in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen.
  2. Durch eine Pflicht zu einer privaten Rentenversicherung , die von jedem Selbständigen nachgewiesen werden muss.

Das Vorhaben einer Rentenversicherungspflicht wird in den Grundzügen sowohl von Gewerkschaften als auch von Arbeitgeberverbänden unterstützt.

Während die Gewerkschaften mehrheitlich die erste Variante bevorzugen, stimmen die Arbeitgeberverbände (BDA) in einem aktuellen Positionspapier dafür, dass die Freiberufler selbst entscheiden sollten.

Möglichkeit 1: Gesetzliche Rentenversicherung für Selbständige

Die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert nach dem Umlageverfahren. Durch den Generationenvertrag zahlen alle Berufstätigen in die Rentenversicherung ein und die Beiträge werden dafür verwendet, die aktuellen Renten zu zahlen. Das Geld wird also nicht gewinnbringend angelegt, es wird in Echtzeit auf die Rentner “umgelegt”.

Die aktuell arbeitende Bevölkerung erwirbt durch die Beitragszahlungen das Recht, später im Alter ebenfalls eine Rente zu erhalten.

Soweit zumindest die Theorie…

In der Praxis funktioniert dieses Modell schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich und die Situation hat sich seit dem legendären Satz von Norbert Blüm “Die Rente ist sicher!” (1986) deutlich zugespitzt. Die aktuellen Beitragszahlungen müssen durch Steuergelder kräftig bezuschusst werden, um allen Rentnern die Rente zahlen zu können. WELT ONLINE hat erst vor Kurzem prognostiziert , dass der Bund 2020 die Renten mit über 100 Milliarden Euro pro Jahr bezuschussen muss. Im Jahr 2016 lag der Zuschuss bei 86,7 Milliarden Euro.

Wie die Situation in 30 oder 40 Jahren aussehen wird, ist schwer abzusehen und es wäre ein fataler Fehler, wenn man sich als junger Mensch auf die gesetzliche Rentenversicherung verlassen würde.

Wenn man nun alle Selbständigen dazu verpflichten würde, in den öffentlichen Rententopf einzuzahlen, würde sich die Situation etwas entspannen, da die Renteneinnahmen sofort steigen würden.

Allerdings wäre das keine wirkliche Lösung und kann für alle Selbständigen und das gesamte Rentensystem ein großer Nachteil werden. Das ganze System der gesetzlichen Rentenversicherung kann so nicht funktionieren und es ist davon auszugehen, dass in wenigen Jahrzehnten kein Rentner mehr von der gesetzlichen Renten leben kann. Wenn man nun die Selbständigen zur Kasse bittet, füllt das zwar kurzfristig die Kassen, es sorgt aber auch für deutlich größere Verbindlichkeiten, da diese Selbständigen in ein paar Jahren im Rentenalter sind und auch Rente beziehen wollen.

Aus diesem Grund ist der Aufschrei der Selbständigen durchaus nachvollziehbar. Eine Versicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung wäre eine Investition mit sehr unsicherer Zukunft.

Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung

Warum das deutsche Rentensystem nicht funktioniert, hat verschiedene Gründe. Eine grundlegende Reform scheint unausweichbar, aber die Politik spielt (bis jetzt) nur auf Zeit und versucht Brände zu löschen statt die Brandursachen zu beseitigen.

Demografische Entwicklung

Die deutsche Gesellschaft wird immer älter. Die Geburtenrate liegt aktuell bei etwa 1,6 Kindern pro Frau, was zur Folge hat, dass es immer weniger Berufstätige gibt und immer mehr alte Menschen, die eine Rente bekommen sollen. Die Last der Rentenzahlungen verteilt sich so auf immer weniger Schultern.

Die Konsequenz: Immer höhere Beitragszahlungen und immer niedrigere Renten (inflationsbereinigt).

Zu frühes Renteneintrittsalter

Neben den sinkenden Geburtenraten steigt die Lebenserwartung. Die Rentner müssen also deutlich länger “durchgefüttert” werden als noch vor ein paar Jahrzehnten. Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 und 70 Jahre ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, gleicht die gestiegene Lebenserwartung aber nur zum Teil aus.

Besserverdiener und Beamte werden nicht erfasst

Ein weiteres Problem, das von Vielen übersehen wird, ist die soziale Verteilung der Beitragszahler. Wie schon kurz erwähnt, haben die meisten Freiberufler wie Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte und Architekten eigene Versorgungswerke, in die sie einzahlen. Auch Beamte zahlen nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein, da sie im Alter eine Pension bekommen und keine Rente.

Diese Personengruppen sind jedoch traditionell die Besserverdiener. Und was passiert, wenn man die Besserverdiener nicht mit einer Rentenversicherungspflicht belastet? Die gesetzliche Rentenversicherung wird mehr und mehr zu einem Auffangbecken für sozial Schwächere.

Schon jetzt wird der Unterschied zwischen Grundsicherung und gesetzlicher Rente immer kleiner und manch einer fragt sich, wozu er überhaupt noch in die Rentenversicherung einzahlen sollte, wenn er am Ende sowieso auf die Grundsicherung angewiesen ist.

Möglichkeit 2: Private Rentenversicherung für Selbständige

Private Rentenversicherungen funktionieren nicht nach dem Umlagesystem sondern nach dem Ansparsystem. Deine Beitragszahlungen werden also nicht sofort an die aktuellen Rentner ausgezahlt sondern werden für dich angespart und investiert. Durch die Beitragszahlungen und die Rendite der Investments entsteht so ein Vermögen, von dem du später im Rentenalter deine Rentenzahlungen erhältst.

Großer Befürworter dieses Rentenmodells ist - welch Überraschung - die Versicherungswirtschaft. Eine Rentenversicherungspflicht für Selbständige, die eine private Rentenversicherung vorschreibt, wäre ein gigantisches neues Geschäftsfeld für die Versicherungsgesellschaften.

Pro & Contra

Sowohl die Befürworter als auch die Gegner einer Pflichtversicherung für Selbständige haben gute Gründe und es gibt wohl keine Antwort, die pauschal richtig oder falsch ist.

Das spricht für eine Rentenversicherungspflicht für Selbständige

  • Viele Selbständige sind unterversichert und setzen auf ihr eigenes Unternehmen als Vermögenswert. Leider wird dabei das Risiko häufig falsch eingeschätzt.
  • Soziale Ungerechtigkeit gegenüber Arbeitnehmern. Viele Selbständige sind im Alter auf die Grundsicherung angewiesen oder müssen so lange arbeiten bis sie es gesundheitlich nicht mehr können. Dadurch verursachen sie Kosten, die die Allgemeinheit tragen muss - ohne dass sie vorher einen entsprechenden Beitrag gezahlt haben.
  • Der Appell an die Vernunft der Selbständigen sorgt nicht dafür, dass sich alle Selbständigen ausreichend absichern

Das spricht gegen eine Rentenversicherungspflicht für Selbständige

  • Das deutsche Rentensystem mit dem Umlageverfahren funktioniert nicht mehr und die Einbeziehung der Selbständigen hätte nur einen kurzfristigen positiven Effekt. Langfristig würde es das Problem für beide Seiten verschlimmern.
  • Die Einstiegshürden in die Selbständigkeit wären noch größer als sie ohnehin schon sind.
  • Viele Selbständige leben schon jetzt am Existenzminimum und könnten von ihrer Arbeit nicht mehr leben, wenn sie zusätzlich mehrere hundert Euro pro Monat in die Rentenversicherung einzahlen müssten
  • Eine Rentenversicherungspflicht für Selbständige würde mehr Bürokratie verursachen und die Bürger noch mehr bevormunden. So würden Selbständige, die jetzt schon ausreichend vorsorgen, unnötigerweise in ein System hineingedrängt.
  • Selbständige sind schon jetzt immer flexibler und in der globalisierten Welt steht Deutschland als Wirtschaftsstandort auch mit anderen Ländern in Konkurrenz. Eine pauschale Rentenversicherungspflicht würde unter Umständen dafür sorgen, dass sich Selbständige im Ausland ansiedeln, wenn sie die Wahl haben.

Fazit

Wenn du nicht arbeiten möchtest bis zu irgendwann tot umfällst, solltest du dir unbedingt Gedanken über deine Altersvorsorge machen. Es wäre ein Fehler die Verantwortung abzugeben und zu erwarten, dass sich der Staat “schon kümmern wird”. Deine Zukunft liegt in deiner Hand.

Ich sehe eine gesetzliche Rentenversicherungspflicht für Selbständige sehr kritisch und glaube nicht, dass das der richtige Schritt wäre.

Ich halte es zwar für wichtig, dass sich auch Selbständige und Unternehmer rational und nüchtern mit ihrer Zukunft beschäftigen, aber eine Rentenversicherungspflicht würde dafür sorgen, dass der Schritt in die Selbständigkeit noch größer wird. Wir brauchen in Deutschland aber einen Abbau von Barrieren und Einstiegshürden, wenn wir eine florierende Gründerkultur erreichen wollen. Eine finanzielle Mehrbelastung von mehreren hundert Euro pro Monat ist auf jeden Fall kontraproduktiv und würde viele Gründer abschrecken.

Bevor man private in Schieflage geratene Versicherungsgesellschaften oder das gesetzliche Rentenversicherungssystem durch solche Gesetze subventioniert, sollte man erst einmal aufräumen und das Rentensystem grundlegend reformieren.

In jedem Fall bleibt es spannend und es ist davon auszugehen, dass sich in den nächsten Monaten/Jahren in diesem Bereich etwas verändern wird, das uns alle betrifft.