Wirtschaft besteht in fast allen Gesellschaften nicht mehr darin, dass die Menschen selber Gemüse anbauen oder ihre Holztische selber reparieren. Sie bezahlen Produkte und Dienstleistungen ganz selbstverständlich. Dies können wir als Fortschritt, getrieben durch den Kapitalismus und eine Kultur eines diversifizierten Marktes, verstehen: Ich muss meine Kartoffeln nicht im Garten anbauen, sondern jemand anderes tut das. Die Kartoffeln muss ich auch nicht abholen, denn auch das erledigt jemand anderes. Ich muss lediglich in einen Supermarkt gehen oder kann sie direkt auf dem Markt einkaufen. Lieferungen per Online-Bestellung sind ebenfalls möglich. Die Zeit des Gemüseanbaus ist für die meisten Menschen vorbei. Ich muss mich nicht selber darum kümmern, dass etwas geschieht, denn es gibt andere Menschen, die genau davon leben, dass ich am Ende ein Produkt kaufen kann oder eine Dienstleistung in Anspruch nehme.

Hast du dich eigentlich schon einmal gefragt, warum das so ist und warum wir an diesem System festhalten?

Es gibt dazu natürlich große Theorien und an dieser Stelle müsste damit begonnen werden, die Einführung des Geldes erklären zu wollen. Aber ich möchte es kurz halten und die wesentlichen Gründe für eine Gesellschaft, in der Arbeitsteilung herrscht, erläutern:

  • alles selber zu machen, erfordert Kompetenzen, die du nicht hast;
  • alles selber zu machen, kostet Zeit;
  • alles selber zu machen, kann eher zu qualitativ schlechten Resultaten führen.

Der entscheidendste Vorteil ist aber einfach der, dass es wirtschaftlicher ist. Du persönlich profitierst finanziell davon, dass andere Menschen eine Leistung in einer guten Qualität erbringen. Wenn du dir erst beibringen wollen würdest, wie ein Dekanter mundgeblasen wird, würde dies einiges erfordern: Du müsstest Ressourcen beschaffen, dir die Kunst das Glasblasens beibringen lassen und intensiv üben, bis du zu einem brauchbaren Ergebnis kommst. Kurzum: Es würde sehr viel Zeit ins Land streichen.

Das Beispiel mit dem Umfüllgefäß mag ein wenig extrem wirken, aber es beschreibt das grundlegende Prinzip unserer wirtschaftlichen Lebensrealität ganz gut: Dienstleister und Produzenten gibt es deshalb, weil es für Kunden wirtschaftlicher ist, diese in Anspruch zu nehmen als es selber zu machen.

Umgekehrt lässt sich noch einfacher verstehen. Denn auch dein Job hängt maßgeblich davon ab, dass jemand anderes diese Tätigkeit nicht ausführen kann oder will. Wenn du etwas kannst, was die meisten Menschen gar nicht können, dann bist du ein Experte in einer Nische. Wenn du etwas anbietest, was es auch in großer Anzahl woanders gibt und was man sich sogar selbst beibringen kann, bist du einer von vielen. Wenn du gut bist, werden deine Dienste trotzdem in Anspruch genommen. Aber egal, ob du mundgeblasene und handbemalte Dekanter herstellst oder einfach tapezierst – deine Kunden wollen diese Dinge nicht selber machen und bezahlen dich dafür.

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„Ich rufe Jochen an!“ – Vitamin B als Kostentreiber

Etwas, was häufig passiert, ist das Folgende: Etwas ging kaputt oder muss eingebaut werden und sofort finden sich zwei oder drei Menschen, die angeregt darüber diskutieren, wer das nun reparieren oder einbauen könne. Der gesunde Menschenverstand sagt: Ein Handwerker sollte sich darum kümmern.

Person A sagt allerdings, dass ein Handwerker dafür gut und gern 240 Euro nehmen würde und, dass der Jochen, der ja immerhin auch so etwas ähnliches gelernt habe, das bestimmt für 100 Euro machen würde. Person B entgegnet, dass der Jochen aber gerade in Wuppertal sei und wohl erst in vier Tagen zurückkäme. Er könne den Jochen aber einmal anrufen und nachfragen, ob er es einrichten könne.

Wenig später kehrt B zurück (A hat in dieser Zeit natürlichen keinen Handwerker angerufen und auch ansonsten nichts getan) und erklärt, dass der Jochen erst in sechs Tagen einen Termin hätte und ja, er würde es für 100 Euro machen, aber er könne nichts garantieren. Denn Jochen sei nicht vom Fach, er sei ja eigentlich etwas anderes. Ob das trotzdem in Ordnung sei, fragt B und A willigt ein. A würde Jochen dann noch einmal anrufen. A erreicht Jochen aber für zwei Stunden nicht, weil dieser in der Schwebebahn festhängt und sein Handy vergessen hat. Zwei Stunden später, in denen A und B sogar noch ein paar Alternativen durchgehen (Bernd, Gisela und Mark; über Mark haben sich A und B noch fast eine Stunde lang Geschichten erzählen können), erreichen Sie Jochen dann endlich und erteilen ihm einen Auftrag, der natürlich in bar und ohne Rechnung vergütet werden soll. Schließlich ist Jochen ein Bekannter As und Bs.

Nun haben A und B bereits einige Zeit, in etwa zwei Stunden, nur damit verbracht, darüber zu diskutieren, ob der Jochen das erledigen sollte oder nicht. Sie haben in der Zeit nichts Produktives geleistet und erhielten keinen Lohn. Bei angenommenen 12 Euro Stundenlohn (sie arbeiten als Lagerarbeiter) bedeutet dies einen effektiven Verlust von 48 Euro zuzüglich eines eventuellen Schadens, der auf durch A und B verschuldete Verzögerungen zurückzuführen ist. Erwähnenswert ist auch, dass Jochen leider nicht die Kompetenzen hatte, die es brauchte: Er erledigte seine Aufgabe leider nicht fehlerfrei, was das Problem sechs Wochen später erneut auftreten ließ. Der Fachmann hat es dann gerichtet – für 295 Euro. Zudem haben sich A und B strafbar gemacht (Schwarzarbeit) und haben auch noch fahrlässig gehandelt (schließlich war das unprofessionelle Werken am Ende ein Sicherheitsrisiko). Gut, dass der Chef von A und B davon nichts wusste…

Aus dieser Geschichte lassen sich drei Dinge ableiten: Erstens solltest du, wenn du A oder B sein könntest, mindestens einen wirklich kompetenten Bekannten um die Erledigung von Aufgaben bitten. Wenn in deinem Netzwerk kein solcher zu finden ist, dann beauftrage lieber den Profi. Zweitens ist das reine Sprechen über die Planung der nächsten Schritte fast immer ein effektives Geldverbrennen, wenn es eine schnelle und einfache Lösung gibt. Und drittens solltest du, insofern du in dieser Geschichte eher Jochen bist, nicht so wesentlich unter deinem Preisniveau arbeiten. Es gibt keinen Grund, warum deine Freunde und Bekannten viel zu wenig für eine Dienstleistung deinerseits zahlen sollten, denn [Bei Geld hört die Freundschaft auf]/posts/geld-freundschaft).

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In welchen Fällen sich das Selbermachen lohnen kann

Gerade Freelancer müssen oftmals einfach Mädchen für alles sein. Und egal, ob es darum geht, einen bestimmten Paragraphen herauszusuchen, um einen Vertrag wasserdicht zu gestalten oder ob eine Lampe eingebaut werden soll – wenn du dir zutraust, etwas selber hinzubekommen, dann mach es. Aber schätze dich richtig ein. Wenn du merkst, dass etwas weder gut wird noch in einer angemessenen Zeit erledigt werden kann, dann delegiere es.

Die Rechnung ist denkbar einfach: Dein hypothetischer Stundensatz x Zeitaufwand in Minuten = hypothetische Kosten. Je mehr sich diese hypothetischen Kosten den realen Kosten für einen Fachmann annähern, desto eher solltest du diesen auch beauftragen.

Zwei Faktoren bedeutet hierbei allerdings eine Unsicherheit: Der eine ist die fehlende Möglichkeit, immer alles richtig einschätzen zu können (das erlernst du im Laufe der Zeit). Und der zweite ist der persönliche Stolz. Manchmal möchte man etwas einfach selber schaffen. Und das sei dir dann auch ungenommen.

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Die Synthese: Ein gutes Netzwerk kümmert sich um deine Probleme

Es gibt gewisse Kontakte, die du unbedingt haben solltest. Mehr über diese erfährst du in unserem Blog Post: Diese 7 Kontakte musst du als Freelancer unbedingt haben. Aber man kann dieses Netzwerk aus Vetternwirtschaft, Vitamin B und Vernetzung von Young Professionals noch weiter denken. So ist es nämlich so, dass Zuverlässigkeit grundsätzlich – aus ganz menschlichen und auch aus wirtschaftlichen Gründen – belohnt wird. Eine Hand wäscht die andere. Das ganze kann sich im besten Falle dahin entwickeln, dass du für alle erdenklichen Lagen immer den richtigen Kontakt zur Hand hast. Und das wird schnell mit netten Rabatten, Extras und schneller Terminvergabe kombiniert.

Du kannst ganz aktiv diese Kontakte aufbauen und pflegen. Am Beispiel des Handwerkers bedeutet dies etwa, dass du einen Handwerker, mit dem du zufrieden warst, immer wieder kontaktierst, wenn etwas ist. Eine langwierige Beziehung zu Dienstleistern ist vertrauensfördernd und kann auch Vorteile bedeuten. Empfiehl die Leute weiter, die du für gut hältst.

Natürlich kann es gut sein, den Bekannten und Verwandten den Vortritt zu lassen, um ihnen einen (finanziellen) Gefallen zu tun. Aber wenn bei dir etwas erledigt werden muss – ob es nun praktischer, technischer oder logistischer Natur ist –, musst du dich immer fragen, wie das beste Ergebnis erzielt werden kann. Ein nur ungefähr richtig reparierter Rohrbruch ist ein Risiko. Gerade dann, wenn du zufällig ein Café betreibst, sollte dir eine saubere Arbeit in den Örtlichkeiten wichtig sein. Hinzu kommt in diesem Falle auch ein gewisser Zeitdruck.

Du siehst: Die Frage, wann etwas selbst zu machen ist, wann Vitamin B ausreicht und wann der Profi zu konsultieren ist, ist vor allem eine Kostenfrage. Es ist in den meisten Fällen aber definitiv angeraten, die Sache einem (bekannten) Profi zu überlassen. Laienhafte Dienstleistungen können gut gemeint sein, sind aber in vielen Fällen einfach nur riskante Kostentreiber. Und dann gibt es auch einfach Dinge, die du selber nicht kannst und niemals können wirst.

Und genau von diesem System, das darauf setzt, dass wir uns gegenseitig mit Produkten und Dienstleistungen versorgen, leben wir. Wenn etwas getan werden muss, findet sich eigentlich immer jemand, der es kann. Niemand ist im Beruflichen oder Privaten auf sich allein gestellt. Fast niemand muss mehr selber Kartoffeln anbauen.